Zettel — Hängen und Winden
Von beiden Händen abhauen, mit Enden winden — die Kunst des Windens am Schwert

Hängen und Winden
Liechtenauers Zettel
Der Zettel fasst die Kunst des Windens — das Herzstück der Liechtenauer’schen Fechtlehre — in zwei aufeinanderfolgenden Versen zusammen, die eine vollständige taktische Einheit bilden:
Von paiden henden haw ab vnd wind mit enden
Das da wol windet vnd hengen wol dar vnder winden ficht zufechten das wolget
Hs. 3227a: “Von beiden henden / haw ab und wind mit enden / Das da wol windet / unde hengen wol dar / under winden ficht / czufechten das wolget”. Die Form wolget ist die ältere Form von wol gerät (es gelingt wohl). Ringeck schreibt bereits die modernere Form.
Exegese der Verse
Erster Vers — die Aktion:
Von paiden henden — von beiden Händen aus. Dies bezieht sich auf die beiden Hängen: Die zwei Hängen (rechts und links) sind die Positionen, aus denen der Fechter ins Winden geht. Die beiden Hände, die das Schwert führen, sind das Subjekt der folgenden Aktion.
Haw ab vnd wind mit enden — die doppelte Aktion: Zuerst haw ab — ein niederfahrender Hau, der den Gegner zum Parieren oder Reagieren zwingt. Dann wind mit enden — winde mit den Enden des Schwerts. Die Enden sind der Knauf (das hintere Ende) und die Schwertspitze (das vordere Ende). Das Winden ist eine drehende Bewegung des ganzen Schwerts um seine Längsachse, bei der beide Enden aktiv eingesetzt werden — die Spitze zum Stechen, der Knauf zum Stoßen, Hebel oder Hängen.
Zweiter Vers — der Erfolg:
Das da wol windet — derjenige, der wohl (gut, richtig) windet. Das Adverb wol qualifiziert die Qualität der Windebewegung.
Vnd hengen wol dar — und gut daran hängt. Die Hängen sind das Ziel und der Ausgang des Windens. Nach der Windebewegung hängt der Fechter mit seinem Schwert am gegnerischen, kontrolliert also die gegnerische Klinge durch Druck und richtige Positionierung (das Anbinden).
Vnder winden ficht — unter (während des) Windes fechte. Das Fechten geschieht im und durch das Winden. Das Winden ist nicht Vorbereitung, sondern selbst das Gefecht.
Zufechten das wolget — zum (Zu-)Fechten gelingt es wohl/gelingt das. Wolget ist das entscheidende Verb: Es bedeutet, dass die Aktion erfolgreich ist, dass der Fechter zum finalen Treffer gelangt. Das wohlgeführte Winden führt aus dem gebundenen Schwert direkt zum Treffer.
Glossen
Ringeck bietet eine ausführliche Glossierung des gesamten Windens am Schwert. Er unterscheidet Hengen (Hängen) als die Grundpositionen, aus denen gewunden wird, und beschreibt das Winden selbst als Drehung des Schwerts, bei der die Spitze auf den Mann geht und der Knauf auf den Kopf. Ringeck zählt die acht Winden (je vier aus rechtem und linkem Hängen) detailliert auf und illustriert die Mechanik jeder einzelnen.
Pseudo-Danzig ergänzt das Konzept der Sterecke (Stärke) und Swech (Schwäche), die beim Winden eine zentrale Rolle spielen: Wer mit der Stärke gegen die Schwäche des Gegners windet, beherrscht die Bindung und kann beliebige Treffer anbringen.
Lew betont die Notwendigkeit des Fühlens beim Winden: Der Fechter muss im Binden sofort erfühlen, ob der Gegner stark oder schwach, hart oder weich agiert, und entsprechend winden.
Meyer
Joachim Meyer (1570) widmet dem Winden ein ausführliches Kapitel und erweitert das Konzept erheblich. Er führt die Winden am Schwert in hohe und tiefe Winden, gerade und flache Winden und gibt Dutzende von Anwendungsbeispielen. Meyer betont besonders die Behendigkeit und die Schnelligkeit des Windens, die über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.
In der Praxis
Das Winden ist im modernen Training oft die schwierigste zu vermittelnde Fähigkeit, weil es präzises Fühlen und feinmotorische Kontrolle erfordert. Die Grundlagen müssen langsam geübt werden: das Anbinden aus den Hängen, das Erfühlen von stark und schwach, die Erarbeitung der acht Winden. Erst wenn das Winden in der Langsamkeit sitzt, kann es ins schnelle Sparring übertragen werden.
Sekundärliteratur
- Hils (1985), S. 137–145.
- Tobler (2004), S. 103–128 (umfangreiche Analyse aller Winden).
- Karlsson, Anders: The Eight Windings: A Biomechanical Analysis. In: Acta Periodica Duellatorum, 2014.