Übersetzungsprobleme — Frühneuhochdeutsch verstehen

Die Herausforderung der Quellenübersetzung und häufige Fallstricke

konzeptquellenanalysemethodikHEMA

Die Herausforderung des Frühneuhochdeutschen

Die Fechtbücher des 14. bis 16. Jahrhunderts sind in Frühneuhochdeutsch verfasst — einer Sprachstufe, die dem modernen Deutschen oberflächlich ähnelt, deren Semantik jedoch in entscheidenden Punkten abweicht. Die größte Gefahr für den Übersetzer ist die Scheinvertrautheit: Ein Wort wie “Stärke” (stercke) bezeichnet nicht den modernen Alltagsbegriff von Stärke, sondern die hebelnahe Hälfte der Klinge im System von Stark und Schwach. Der Leser versteht zu wissen, was dasteht, und versteht es doch nicht.

Häufige Übersetzungsfehler und Fallstricke

Zwei Fehlertypen dominieren die Rezeptionsgeschichte. Erstens: Modernisierung der Terminologie — die Übertragung frühneuhochdeutscher Fachbegriffe in moderne, ungefähr passende Wörter, die jedoch das konzeptuelle Gefüge des Quellentextes verfälschen. Zweitens: Wörtliche Übersetzung ohne Kontext — das Übersetzen des einzelnen Wortes ohne Verständnis der technischen Bedeutung, die sich erst aus der Gesamtheit der Glosse ergibt.

Beispiel: “Indes” — was bedeutet das wirklich?

Der Begriff Indes (auch In des, Inndeß) ist einer der zentralen und zugleich am häufigsten missverstandenen Termini der Liechtenauerschen Terminologie. Das frühneuhochdeutsche indes — kontrahiert aus in des — bedeutet wörtlich “in der Zeit, währenddessen, unterdessen, mittlerweile”. Im Fechtkontext spezifiziert es den unmittelbaren Moment, in dem eine gegnerische Aktion initiiert, aber noch nicht vollendet ist — das “Inzwischen” zwischen Entschluss und Vollzug. Die englische Übersetzung “meanwhile” oder “in the moment” trifft die Bedeutung genauer als das oft verwendete “instantly”, das eine falsche zeitpunkt-hafte Lesart nahelegt. Das Indes ist keine Geschwindigkeitsmaxime (“sei schnell”), sondern eine Wahrnehmungs- und Reaktionsmaxime: Fühle die entstehende Aktion des Gegners und handle, während sie entsteht.

“Versetzen” vs. “Parade” — Das Problem moderner Begriffe

Das frühneuhochdeutsche Versetzen wird häufig mit dem modernen Begriff “Parade” übersetzt —Sportfecht-Parade ist eine defensive Blockade, die den gegnerischen Angriff aufhält und die Priorität wechselt. Das Liechtenauersche Versetzen hingegen ist eine offensive Konteraktion: Die Klinge setzt dem gegnerischen Hau entgegen, aber mit eigener Bedrohung — im Idealfall mit der Spitze zum Gesicht oder zur Brust. “Versetzen” bedeutet wörtlich “dagegen setzen”, nicht “abwehren”. Die angemessenere Übersetzung wäre “Konter” oder “Kontereinsatz”, nicht “Parade”.

Warum gute Editionen trotzdem unterschiedliche Übersetzungen liefern

Keine Übersetzung kann die Gesamtheit des frühneuhochdeutschen Bedeutungsspektrums in einer modernen Sprache abbilden. Hagedorns ausführliche, annotierte Übersetzung und Toblers konzisere Fassung des Cod. 44.A.8 weichen an Dutzenden Stellen voneinander ab, ohne dass eine Fassung “falsch” wäre. Jede Übersetzung ist eine Interpretation, die Entscheidungen über Mehrdeutigkeiten trifft.

Empfehlung für den Einstieg

Der Einsteiger sollte moderne Editionen mit paralleler Transkription und Übersetzung bevorzugen (Hagedorns Ringeck und Hs. 3227a) und die Übersetzung nicht als letztgültige Autorität, sondern als plausiblen Vorschlag betrachten. Die parallele Lektüre von Transkription und Übersetzung schult den Blick für die Mehrdeutigkeit des Originals.

Nach oben ↑