Schild im Harnischfechten

Faustschild, Setzschild, Tartsche und Stechschild — der Schild als Waffe im Harnischkampf

waffeharnischfechtenschild

Der Schild ist im Harnischfechten ein scheinbarer Anachronismus. Im Deutsche Fechtschule war die defensive Funktion des Schilds mit der Entwicklung des Langen Schwerts als beidhändig geführter Primärwaffe weitgehend obsolet geworden — die linke Hand führte nicht mehr den Schild, sondern griff an der Klinge (Halbschwert) oder am Heft. Im Harnischkampf jedoch überlebt der Schild in spezialisierten Formen und erfüllt Funktionen, die weit über die reine Deckung hinausgehen. Die Quellen, insbesondere Hans Talhoffer und Paulus Kal, zeigen den Schild als aktive Offensivwaffe, deren Einsatz im Gerichtskampf sogar die Primärbewaffnung definierte.

Die im Harnischfechten verwendeten Schildtypen unterscheiden sich fundamental von den im Blossfechten gebräuchlichen. Der grosse, schwere Feldschild des Hochmittelalters verschwindet; an seine Stelle treten kleine, handliche und oft speziell für den Rüstungskampf konstruierte Schilde. Vier Haupttypen lassen sich in den Quellen identifizieren.

Der Faustschild ist ein kleiner, meist runder oder leicht ovaler Schild, der mit der linken Hand am zentralen Griff gefasst wird. Er dient im Harnischkampf weniger der flächigen Deckung — die Rüstung selbst bietet ausreichenden Körperschutz — als vielmehr der gezielten Ablenkung und Bindung gegnerischer Stösse. In mehreren Techniken Talhoffers blockiert der Faustschild den ankommenden Halbschwert-Stich nicht passiv, sondern schlägt ihn aktiv zur Seite, während die eigene Klinge gleichzeitig zum Gegenstich ansetzt. Der Faustschild ist damit kein reines Defensivinstrument, sondern integraler Bestandteil einer kombinierten Schild-Schwert-Aktion.

Der Setzschild (auch Pavese) ist ein grösserer, aufstellbarer Schild, der im Harnischkampf vor allem in der Eröffnungsphase auf Distanz verwendet wird. Er wird auf den Boden gestellt und dient als mobile Deckung, hinter der sich der Kämpfer verbirgt, während er den Speer oder die Lanze zum Stich vorbereitet. Talhoffers Gerichtskampf-Tafeln zeigen den Setzschild in dieser Funktion, oft in Kombination mit dem langen Spiess. Die taktische Logik des Setzschilds liegt in der Asymmetrie: Der gedeckte Kämpfer kann aus sicherer Position stechen, während der ungedeckte Gegner den Stich abwehren muss, ohne seinerseits angreifen zu können.

Die Tartsche ist ein asymmetrischer, für die linke Körperseite des Reiters konzipierter Schild, der im Harnischfechten zu Fuß zuweilen als Ersatzschild adaptiert wurde. Sie ist in den Harnischfechten-Tafeln seltener als Faustschild und Setzschild, erscheint aber in einigen Szenen Kals und Talhoffers. Ihre Grösse und Form machen sie für die Defensive geeignet, schränken aber offensiven Einsatz stark ein.

Der ikonische Schild des Gerichtskampfes ist der Stechschild (auch Dornschild oder écranche), den Talhoffers Gerichtskampf-Tafeln in unverwechselbarer Weise dokumentieren. Dieser schmale, langgestreckte Schild trägt an seiner Aussenseite einen langen, spitzen Dorn oder Haken, der beim Stoss in die Rüstung oder den Körper des Gegners getrieben werden kann. Der Stechschild ist damit keine reine Schutzwaffe, sondern ein offensives Stichinstrument. Das berühmte Talhoffer-Bild eines Gerichtskampfes zwischen Mann und Frau zeigt die weibliche Kombattantin mit einem solchen Stechschild, dessen Dorn auf den in einer Grube stehenden, nur mit einem Kolben bewaffneten Mann gerichtet ist. Talhoffer ist allerdings nicht die einzige Quelle: Paulus Kal führt den Stechschild ebenfalls, und Paulus Hector Mair bündelt das Wissen Talhoffers und anderer in seinen Gesamtwerken; auch die Gladiatoria-Gruppe überliefert den kleinen Stichschild. Die archaische Qualität dieser Waffe verweist auf die tiefe Verwurzelung des Gerichtskampfes in vorchristlichen Rechtsbräuchen.

Quellen

  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1467, Cod. icon. 394a, Bayerische Staatsbibliothek, München.
  • Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.

Sekundärliteratur

  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
  • Wiktenauer — Hans Talhoffer.
Nach oben ↑