Cl. 23842

Ein Pariser Fechtbuch mit frühem Liechtenauer-Material

quellehandschriftLiechtenauer15 jh

Cl. 23842 (Paris)

Überblick

  • Signatur: Cl. 23842, Bibliothèque nationale de France, Paris
  • Datierung: 15. Jahrhundert
  • Sprache: Latein und Deutsch (zweisprachig)
  • Aufbewahrungsort: Bibliothèque nationale de France, Paris

Inhalt

Der Pariser Cl. 23842 ist eine der wenigen Fechthandschriften deutscher Provenienz, die sich in französischem Bibliotheksbesitz befinden. Die zweisprachige Anlage — lateinische und frühneuhochdeutsche Textpassagen wechseln einander ab — ist innerhalb der Deutschen Fechtschule ungewöhnlich und weist auf einen besonderen Entstehungskontext hin, möglicherweise im universitären oder klerikalen Umfeld.

Inhaltlich bietet die Handschrift frühes Liechtenauersches Material: Blossfechten mit dem Liechtenauers Merkverse und eine Prosa-Glosse, die in mehreren Passagen Parallelen zur Hs. 3227a und zum Cod. 44.A.8 aufweist, ohne mit einer dieser Handschriften textidentisch zu sein. Die Glosse ist knapper als die ausführliche Fassung des Pseudo-Danzig, aber elaborierter als die rudimentären Kommentare mancher später Manuskripte — sie repräsentiert einen mittleren Zustand der Glossen-Entwicklung.

Das Langschwertkapitel deckt die Kernbereiche ab: Ochs, Fünf Haue, Winden am Schwert und Fühlen im Band. Die lateinischen Passagen bieten dabei eine einzigartige Übersetzungsperspektive auf die fechterische Terminologie — die Übertragung von Begriffen wie Anbinden, Winden oder Indes in humanistisches Latein ist eine linguistische und kulturgeschichtliche Quelle ersten Ranges.

Ergänzend finden sich Abschnitte zum Ringen — Überblick und zum Dolch, die ähnlich strukturiert sind, aber geringeren Umfang als das Langschwertkapitel aufweisen. Die Illustrationen — sofern im Original vorhanden — sind einfach und funktional.

Bedeutung

Cl. 23842 ist ein singuläres Zeugnis der Latinisierung deutscher Fechtlehre und belegt die Rezeption der Liechtenauer-Tradition in lateinkundigen Kreisen, die außerhalb der deutschsprachigen Fechter-Zünfte standen. Die Handschrift ist ein Brückendokument zwischen volkssprachlicher und gelehrter Überlieferung.

Quellen

Nach oben ↑