Abwehr gegen Reiter zu Fuß

Verteidigung des Fußkämpfers gegen einen berittenen Angreifer in den Quellen der Deutschen Fechtschule

technikrossfechtenverteidigung

Die Verteidigung eines Fußkämpfers gegen einen berittenen Gegner ist eine der taktisch anspruchsvollsten und zugleich am spärlichsten dokumentierten Kampfsituationen in den Fechtbüchern der Deutschen Fechtschule. Die Quellen, die diese asymmetrische Konstellation behandeln, sind rar, aber in ihrer Aussage präzise: Der Fußkämpfer muss die fundamentalen Nachteile — fehlende Höhe, geringere Bewegungsgeschwindigkeit, psychologische Einschüchterung durch das herandonnernde Pferd — durch eine Kombination aus Ausweichbewegung und gezieltem Gegenangriff kompensieren.

Die wichtigste Quelle zur Fußverteidigung gegen Berittene ist die Danzig-Glosse (Cod. 44.A.8, fol. 114v ff.), die im Rossfechten-Abschnitt eine detaillierte Technik beschreibt. Der Fußkämpfer soll dem anreitenden Gegner nicht frontal begegnen, sondern sich seitlich aus der Angriffslinie bewegen und mit einem kräftigen Stich die Pferdebrust des an ihm vorbeidonnernden Tieres treffen. Der Stich in die Pferdebrust ist die taktisch klügste Aktion: Der Reiter kann mit seiner Lanze nur frontal wirken, seine Peripherie ist auf nahe Distanz ungedeckt, und der Tod des Pferdes beendet den Kampf unmittelbar — der Reiter stürzt, wird verwundbar und kann überwunden werden. Die Danzig-Glosse betont, dass der Stich “mit gantzer krafft” und unter Ausnutzung der Vorwärtsbewegung des Pferdes geführt werden müsse, da die Wucht des galoppierenden Tieres anderenfalls den Fußkämpfer selbst zu Boden reisst.

Eine zweite, verwandte Technik ist der Hieb gegen die Reiterbeine. Auch sie wird in der Danzig-Glosse und bei Sigmund Ringeck (Ms. Dresden C 487) erwähnt, wenn auch weniger detailliert. Der Grundgedanke ist ähnlich: Statt den gut gepanzerten Oberkörper des Reiters zu attackieren, schlägt der Fußkämpfer mit dem Schwert gegen die Beine des Reiters — eine Zone, die vom Pferd aus schwer zu verteidigen ist und die, anders als die Pferdebrust, unmittelbar immobilisierend wirkt. Ein schwerer Hieb mit dem Langen Schwert gegen das Knie oder den Oberschenkel macht den Reiter kampfunfähig, auch wenn er nicht vom Pferd stürzt.

Hans Talhoffer illustriert diese Techniken im Ms. Thott.290.2º (1459) mit mehreren eindrucksvollen Tafeln. Er zeigt einen Fußsoldaten, der mit erhobenem Schwert auf ein heransprengendes Pferd zuläuft und im Moment des Vorbeidonnererns den Stich in die Brust des Tieres setzt. In einer anderen Tafel ist der Reiter bereits verwundet und kippt aus dem Sattel, während der Fußkämpfer zum entscheidenden Stich gegen die nun ungedeckte Blösse des fallenden Reiters ansetzt. Talhoffers Bilder vermitteln die Dramatik und den Schrecken dieser asymmetrischen Begegnung mit einer Direktheit, die dem Text der Glossen fehlt.

Taktisch beruht die gesamte Fußverteidigung auf dem Prinzip des Ausweichens und Gegenangriffs in der verwundbaren Flanke. Der Fußkämpfer kann den Reiter nicht frontal aufhalten — die kinetische Energie des galoppierenden Pferdes ist zu gross. Er muss die lineare Bewegung des Reiters ausnutzen, indem er ihr ausweicht und den Moment des Vorbeireitens mit einem gezielten Stich quittiert. Dies ist eine Technik, die Mut, Bewegungsantizipation und präzises Timing voraussetzt — und deren Erfolgsquote unter Ernstkampfbedingungen vermutlich stark vom Überraschungsmoment abhing.

Quellen

  • Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 109r–117r.
  • Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 93r–97v.
  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.

Sekundärliteratur

  • Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
  • Wiktenauer — Rossfechten.
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