Zornhau-Ort

Der sofortige Stich nach dem Zornhau

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Liechtenauers Zettel

Zornhaw ort dem drewet sere

Der Zettelvers ist einer der bekanntesten der Liechtenauers Merkverse. Er benennt die zentrale Gefahr des Zornhau: Nicht der Hieb selbst, sondern der unmittelbar folgende Stich (Ort) ist die eigentliche Bedrohung. Der Ort ist das Ende des Zornhau, seine taktische Pointe.


Definition

Der Zornhau-Ort ist die unmittelbare Fortsetzung des Zornhau mit einem Stich, ohne dass die Bewegung unterbrochen oder das Schwert aus dem Band genommen wird. Der Zornhau wird gegen den gegnerischen Hieb geschlagen, um die Klingen in Kontakt zu bringen. Aus dieser Bindung heraus — noch während die Klingen aneinanderliegen — wird die Spitze vorgeführt, oberhalb oder unterhalb der gegnerischen Parierstange, und in die gegnerische Blöße gestochen.

Der Zornhau-Ort ist keine Zwei-Takt-Bewegung (Hieb + Stich als getrennte Aktionen). Er ist eine einzige fließende Bewegung, die als Hieb beginnt und als Stich endet. Die Kunst liegt im nahtlosen Übergang: Sobald der Hieb auf das gegnerische Schwert trifft, geht der Druck vom Hieb in den Stich über, ohne dass die Klinge abgesetzt oder neu angesetzt wird.


Warum der Ort so gefährlich ist

Der Zornhau-Ort ist besonders gefährlich, weil der Gegner durch den Zornhau aus seiner Hut gebracht wurde. Seine Klinge ist gebunden, sein Körper durch die Wucht des Hiebs destabilisiert. In diesem Moment der taktischen Verwirrung — der Gegner hat eben noch den Hieb pariert und erwartet keine unmittelbare Fortsetzung — kommt der Ort. Der Gegner hat keine Zeit, eine zweite Parade zu fahren.


Glossen

Ringeck

Ringeck glossiert den Vers detailliert: Der Zornhau wird mit der Langen Schneide gegen den gegnerischen Oberhau geführt. Im Moment des Anbindens, sobald die Klingen sich berühren, senkt der Fechter die Spitze und sticht dem Gegner zum Gesicht oder zur Brust. Der Ort “dräut” (droht) — er ist das, was den Zornhau gefährlich macht.

Pseudo-Danzig

Danzig beschreibt die gleiche Mechanik und warnt davor, nach dem Zornhau innezuhalten. Der Fechter, der nach dem Hieb verharrt, verliert das Vor und gerät in Gefahr, selbst gestochen zu werden. Der Ort muss Indes folgen.


Meyer

Joachim Meyer führt den Zornhau-Ort als eine der primären Varianten des Zornhau im Fechtbuch von 1570 auf. Meyer betont die didaktische Funktion: Der Ort zwingt den Schüler, den Zornhau nicht als isolierten Schlag zu denken, sondern als Fluss von Aktionen, die aus derselben Bewegung hervorgehen.


In der Praxis

  • Zornhau-Ort Drill: Partner A schlägt Zornhau, Partner B pariert. A fließt ohne Pause in den Ort. Wichtig: Der Übergang vom Hieb zum Stich darf keine erkennbare Pause haben. Die Spitze läuft durch, während die Klinge noch am gegnerischen Schwert ist.
  • Fühlvariante: B variiert die Pariehärte. A muss fühlen, ob der Ort durchkommt (weiche Parade) oder ob Winden erforderlich ist (harte Parade).

Quellen

Sekundärliteratur

  • Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
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