Martin Wierschin
Entdecker und Editor der Handschrift 3227a

“1965 — das Jahr, in dem Liechtenauer für die moderne Forschung wiederentdeckt wurde.”
Biographie
Martin Wierschin (gest. 2011) war ein deutscher Germanist, der 1965 die heute als Hs. 3227a (auch “Nürnberger Handschrift” oder “Codex Döbringer”) bekannte Fechthandschrift entdeckte und erstmals wissenschaftlich publizierte. Seine Edition “Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens” markiert den Beginn der modernen akademischen Fechtbuchforschung.
Die Entdeckung
Vor Wierschins Arbeit war die Hs. 3227a (aufbewahrt im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg) zwar katalogisiert, aber nicht als Fechthandschrift von besonderem Rang erkannt worden. Wierschin identifizierte den Text als die früheste und ausführlichste Überlieferung des Liechtenauerschen Zettels — etwa ein halbes Jahrhundert älter als die bis dahin bekannten Glossen von Sigmund Ringeck und Peter von Danzig.
Die Handschrift, datiert auf etwa 1389/1420, enthält nicht nur Liechtenauers Merkverse, sondern auch eine ausführliche Prosa-Glosse, die einer Person namens Hanko Döbringer zugeschrieben wird. Diese Glosse ist von außerordentlichem Wert: Sie kommentiert den Zettel nicht nur technisch, sondern reflektiert auch die didaktische Methode Liechtenauers und die soziale Stellung des Fechtens im späten 14. Jahrhundert.
Die Edition von 1965
Wierschins Edition (erschienen bei C. H. Beck, München) bot eine diplomatische Transkription des gesamten Textes mit einem sprachwissenschaftlichen Kommentar. Wierschin war primär an der Handschrift als Sprachdenkmal interessiert — die fechterische Würdigung des Inhalts blieb limitiert. Dennoch war die Edition der entscheidende Impuls für die systematische Erforschung des Liechtenauer-Corpus. Hans-Peter Hils baute 1985 auf Wierschins Grundlage auf und legte die erste vollständige systematische Darstellung der Liechtenauer-Tradition vor.
Bedeutung
Ohne Wierschins Entdeckung und Edition wäre die moderne HEMA-Forschung um ihre wichtigste Primärquelle ärmer. Die Hs. 3227a ist heute einer der meiststudierten Texte der Fechtbuchforschung, und Wierschins Name bleibt untrennbar mit dieser Schlüsselhandschrift verbunden.
Quellen
- Wierschin, Martin: Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens. C. H. Beck, München 1965.