Der Dussack
Böhmische Übergangswaffe und Trainingsinstrument

“Der Dussack ist ein nützlich Wehr / vnd gibt den Grund zu den Schwerdtschlegen…” — Joachim Meyer, Gründliche Beschreibung, 1570
Definition
Der Dussack (auch Dusack, Disack, Tessak) ist eine kurze, einschneidige Waffe, die im 16. Jahrhundert aus dem ungarisch-böhmischen Raum in die Deutsche Fechtschule eindrang und dort sowohl als scharfe Waffe als auch — häufiger — als Trainingsgerät genutzt wurde. Der Name leitet sich wahrscheinlich vom tschechischen tesák („Säbel") oder ungarischen dussak ab.
Das charakteristische Merkmal des Dussacks ist seine Konstruktion ohne klassische Parierstange: Der Griff geht in einem durchgehenden Bogen in die Klinge über, wobei das Handende oft lediglich durch einen Bügel geschützt wird. Der Dussack wird einhändig geführt und nimmt eine markante Übergangsposition zwischen dem mittelalterlichen (Lang-)Schwert und dem frühneuzeitlichen Säbel ein.
Historische Dussacks
Der Böhmische Dussack
Der böhmische Dussack war primär eine Repräsentations- und Duellwaffe, die im 16. Jahrhundert unter böhmischen Adeligen und Stadtbürgern Verbreitung fand. Die scharfe Form bestand aus Stahl, war einschneidig und hatte eine charakteristische, oft gekrümmte Klinge. Historische Exemplare sind aufgrund des einfachen Materials selten erhalten — anders als Schwerter wurden Dussacks kaum als Familienerbstücke konserviert.
Der Übungsdussack
Für das Training war der Dussack hingegen aus Leder oder Holz gefertigt — eine wesentlich kostengünstigere Alternative zum Federschwert. Dies machte den Dussack zum idealen Trainingsgerät für das Bürgertum: Wo das Federschwert Schmiedekunst erforderte, konnte ein Lederdussack von jedem Sattler hergestellt werden.
Der typische Übungsdussack zeigt:
- Eine einschneidige, leicht gekrümmte Klinge aus steifem, gehärtetem Leder oder Hartholz.
- Einen Handbügel (Gefäß), der den Daumen und Handrücken schützt.
- Kein Parier im klassischen Sinne — der Schutz wird durch die Gesamtform des Bügels gewährleistet.
Meyer und der Dussack
Joachim Meyer widmet dem Dussack in seiner Gründlichen Beschreibung (1570) ein umfangreiches, eigenständiges Kapitel — ein Beleg für die Bedeutung, die er dieser Waffe im Lehrcurriculum beimaß. Für Meyer ist der Dussack mehr als eine Waffe unter vielen: Er fungiert als zentrale Übergangswaffe, die vom Kurzschwert über den Dussack zum Rapier und Säbel führt.
Meyers Dussack-Lehre ist systematisch parallelig zur Langschwert-Lehre aufgebaut:
- Grundschläge (Oberhau, Unterhau, Zornhau, Mittelhau) sind dem Langschwert-System entlehnt.
- Vier Huten (Ochs, Pflug, Tag, Alber) als Ausgangspositionen.
- Vor, Nach und Indes als taktische Prinzipien.
Die didaktische Bedeutung des Dussacks bei Meyer liegt darin, dass er dem Schüler die Prinzipien des Klingendrucks, der Bindung und der Taktik in einer einhändig geführten Waffe vermittelt — eine Vorstufe zum späteren Rapierfechten.
Moderner Dussack-Training
In der heutigen HEMA-Praxis ist der Dussack eine Nischenwaffe, die jedoch in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit erfährt. Moderne Trainingsdussacks werden primär von folgenden Herstellern angeboten:
- Purpleheart Armory: Kunststoff-Dussacks für Einsteigertraining und Turniere.
- Black Fencer: Lederdussacks mit historischem Anspruch.
- Regenyei: Stahl-Dussacks für fortgeschrittenes Training.
Die Meyer-Quelle ist dabei der zentrale Referenztext — eine Rekonstruktion des Dussackfechtens ist ohne Meyers systematische Darstellung nicht möglich.
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründliche Beschreibung der… Kunst des Fechtens. Straßburg 1570. [Das Dussack-Kapitel]
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. A German Martial Arts Treatise of 1570. Greenhill Books / Palgrave, 2006.
- Dupuis, Olivier: Le Dussack dans l’escrime allemande du XVIe siècle. In: Acta Periodica Duellatorum, 1/2013.