Dussack und die vier Blössen
Die vier Blössen aus der Perspektive des Dussackfechtens nach Meyer

Das Konzept der vier Blössen
Die Lehre der Vier Blössen — die Einteilung des gegnerischen Körpers in vier Angriffsbereiche — ist ein Grundpfeiler der Liechtenauer-Tradition und wird von Joachim Meyer systematisch auf den Dussack übertragen. Die Blössen sind: die obere rechte (Kopf, rechte Schulter), die obere linke (Kopf, linke Schulter), die untere rechte (rechte Flanke, rechtes Bein) und die untere linke (linke Flanke, linkes Bein). Jeder Hieb und jeder Stich muss auf eine Blöße zielen; ein Hau ohne spezifisches Ziel ist für Meyer kein Hau, sondern „ein vnbesonnener Schlag“.
Am Dussack verschiebt sich die Gewichtung der Blössen gegenüber dem Langschwert. Die oberen Blössen bleiben taktisch zentral, doch die exponierte Faust des Gegners wird zu einer fünften, informellen Blöße — ein Ziel von so hoher Priorität, dass viele Dussack-Aktionen primär darauf ausgerichtet sind. Meyer thematisiert dies nicht explizit als eigene Blöße, doch die Dichte der Handangriffe in seinem Dussack-Teil spricht für sich.
Welche Häue zu welcher Blöße?
Meyers Leitlinie ist die Diagonalregel: Ein Oberhau von der rechten Seite zielt auf die obere linke Blöße des Gegners, ein Oberhau von der linken Seite auf die obere rechte. Ein Unterhau von rechts zielt auf die untere linke Blöße und umgekehrt. Der Mittelhau kann beide oberen wie unteren Blößen — und vor allem die Hände — angreifen, je nach Höhe und Winkel der Ausführung.
Meyer betont, dass die Wahl der Blöße nicht willkürlich erfolgt. Die Hut, aus der gefochten wird, präjudiziert das Ziel: Aus dem Tag fällt der Oberhau naturgemäß auf die oberen Blössen, aus dem Wechsel steigt der Unterhau zu den unteren Blössen auf. Das Verführen — eine zentrale Meyer’sche Taktik — funktioniert über die bewusste Exposition einer vermeintlichen Blöße, um den Gegner zu einem erwartbaren Hau zu bewegen, den man dann bricht.
Im Kontext von Meyers System
Die Blössen-Lehre am Dussack verbindet sich mit Meyers Konzept des Indes: Wer die Blöße erkennt und im richtigen Moment schlägt, trifft; wer zögert, gibt dem Gegner das Vor. Die einhändige Dussack-Mechanik verkürzt die Zeit zwischen Erkennen und Schlagen — der Dussack ist eine Waffe der schnellen Blössen-Ausbeutung.
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung. Straßburg 1570, 2. Buch.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.