Dolch-Stücke (Meyer)
Angriff-Parade-Sequenzen aus dem vierten Buch der Gründlichen Beschreibung

Aufbau der Stücke
Die von Joachim Meyer im vierten Buch der Gründlichen Beschreibung (1570) präsentierten Dolch-Stücke folgen einem klaren didaktischen Schema: Jedes Stück besteht aus einer Abwehr (Parade, Armbindung oder Ringansatz) und einer unmittelbar folgenden Gegenaktion (Stich, Schnitt oder Wurf). Meyer betont die Sequenzialität — die Parade und die Gegenaktion sind nicht zwei separate Handlungen, sondern eine fließende Bewegungseinheit, bei welcher “eines aus dem andern felt”. Dieses Prinzip durchzieht sein gesamtes Werk und wird im Dolch-Kapitel auf extreme Nahkampfdistanz angewendet.
Beispiel-Stücke aus dem 1570er Druck
Meyer beschreibt mehrere zentrale Stücke, die den Kern seines Dolch-Repertoires bilden. Das erste Stück behandelt die Abwehr eines von oben geführten Dolchstichs: Der Verteidiger fängt den angreifenden Arm mit der linken Hand von innen, drückt ihn zur Seite und sticht dem Angreifer gleichzeitig mit dem eigenen Dolch in die Kehle oder das Gesicht. Meyer schreibt dazu: “So dir einer von Oben stechen wolt / so trit in und fang ihm seinen Arm mit deiner lincken Hand innwendig / und stos ihm deinen Dolchen under des zum Hals.”
Das zweite Stück kehrt die Händigkeit um: Der Verteidiger pariert den Stich des Gegners mit dem eigenen Dolch und greift dann mit der linken Hand den gegnerischen Dolcharm, um den folgenden Stich sicher zu platzieren. Diese Technik ähnelt dem Simultaneous Parry simultanen Parieren und Kontrieren im Schwertfechten, adaptiert auf die engere Dolch-Distanz.
Die weiteren Stücke befassen sich mit Situationen, in denen beide Kämpfer bereits in Körperkontakt geraten sind, und kombinieren Ringtechniken mit Dolchaktionen. Meyer beschreibt Würfe, bei denen der Dolch während des Wurfvorgangs in den Gegner gestoßen wird, sowie Armdrehungen und Schlüssel, die die gegnerische Waffe außer Gefecht setzen, bevor der eigene Dolch zusticht.
Kombination mit Ringen
Die Integration von Ringelementen in die Dolch-Stücke ist Meyers charakteristischer Beitrag zur deutschen Dolchtradition. Während Hans Talhoffer und Paulus Kal Ring- und Dolchtechniken tendenziell separat darstellen, verschmilzt Meyer sie zu hybriden Stücken, in denen das Ringen die Funktion der Parade übernimmt und der Dolch die Funktion des Angriffs. Der moderne HEMA-Praktiker findet in diesen Stücken ein umfangreiches Übungsmaterial für das Training im extremen Nahbereich.
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 4. Buch.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015, Dolch-Kapitel.