Einhorn (Meyer)
Das Einhorn nach Joachim Meyer

Ochs-Variante mit Knaufgriff
Das Einhorn ist bei Joachim Meyer eine Spezialform des Ochs, die sich durch einen entscheidenden Griffwechsel unterscheidet: Die vordere Hand bleibt am Kreuz oder Griff, die hintere Hand fasst den Knauf. Beim Rechtsfechter liegt also die rechte Hand am Kreuz, die linke greift den Knauf. Die Arme sind über Kopfhöhe angewinkelt, die Spitze zielt zum Gesicht des Gegners — wie ein Horn ragt sie nach vorn, daher der bildhafte Name.
Meyer charakterisiert das Einhorn als eine listige Kunsthut — eine Stellung, die durch ihre ungewöhnliche Erscheinung verunsichert und zugleich handfeste mechanische Vorteile bietet. Der Knaufgriff ist im 16. Jahrhundert unüblich genug, um selbst erfahrene Fechter zu irritieren und ihr Timing zu stören.
Verlängerte Reichweite
Der entscheidende technische Vorteil des Einhorns liegt in der Reichweitenverlängerung. Indem die hintere Hand den Knauf fasst und nicht den Griff, wandert der effektive Klingenauflagepunkt nach hinten — die Distanz zwischen vorderer Hand und Spitze vergrößert sich um mehrere Zoll. Ein Stich aus dem Einhorn erreicht den Gegner aus einer Mensur, in der ein konventioneller Ochs-Stich noch zu kurz käme.
Diese Eigenschaft macht das Einhorn zur idealen Hut für das Vor Nach Indes: Der Fechter kann den Gegner bereits mit der Spitze bedrohen und erste Stiche ansetzen, bevor der Gegner seine eigene bevorzugte Distanz erreicht hat. Meyer beschreibt, wie man aus dem Einhorn “den Mann von weitem ansticht / ehe er des gewar wird” — die verlängerte Reichweite wird zum taktischen Werkzeug der Überraschung.
Steche und Ringen
Der Knaufgriff erlaubt einen extrem steilen Klingenwinkel: Der Fechter kann die Spitze nahezu senkrecht von oben herab ins Gesicht oder auf die Brust stechen — ein Angriffsvektor, den viele Huten nur unzureichend decken. Sollte der Stich pariert werden oder zu kurz fallen, bietet der Knaufgriff einen nahtlosen Übergang ins halbe Schwert: Die Knaufhand löst sich vom Knauf, fasst die Klingenmitte, und der Fechter arbeitet aus der verkürzten Distanz mit Hebeltechniken und Ringen.
Diese Doppelfunktion — Fernkampf über die verlängerte Spitze, Nahkampf über das halbe Schwert — macht das Einhorn zu einer der vielseitigsten Huten in Meyers Arsenal. Meyer überträgt das Prinzip zudem auf andere Waffen seiner Lehre: An Dussack und Rappier beschreibt er analoge Positionen mit Griff am Waffenende zur Maximierung der Reichweite. Das Einhorn verkörpert damit ein waffenübergreifendes Prinzip Meyerscher Fechtkunst.
Quellen
- Meyers Fechtbuch 1570, 1570, 1. Buch, Kap. 3.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.