HEMA-Wettkampfregeln im Vergleich
Swordfish, HEMAA, Purpleheart, IFHEMA — was fördert welches Regelwerk?

Die Pluralität der Regelwerke
Die HEMA-Szene hat keine einheitliche Wettkampfordnung. Unterschiedliche Veranstalter setzen unterschiedliche Regelwerke ein, die jeweils bestimmte Fechtstile bevorzugen, bestrafen oder ignorieren. Die Kenntnis dieser Regelwerke und ihrer Implikationen ist für Turnierfechter essenziell — nicht nur für die Wettkampfvorbereitung, sondern auch für das Verständnis der eigenen Disziplin: Jedes Regelwerk formt das Gefecht, das unter seiner Ägide gefochten wird.
Swordfish (Schweden)
Das Swordfish-Turnier in Göteborg verwendet ein Regelwerk mit hohem Fokus auf technische Qualität und Kontrolle. Doppeltreffer werden stark negativ gewichtet, Nachschläge nach dem Treffer können als unsportlich geahndet werden, und die Kampfrichter achten auf saubere Hiebmechanik. Das Regelwerk belohnt präzise Einzelaktionen, geplante Finten-Sequenzen und kontrollierte Defensive und bestraft rücksichtsloses »Durchpowern«. Es bevorzugt Fechter mit technischer Raffinesse und Disziplin und kann physisch explosive, aber technisch unsaubere Fechter benachteiligen.
HEMAA (USA)
Das Regelwerk der HEMA Alliance ist das am weitesten verbreitete Turnierregelwerk Nordamerikas. Es arbeitet mit einem Punktesystem, das Treffer nach Qualität differenziert — Treffer mit Hiebmechanik, Treffer mit Stichmechanik, flache Treffer und Treffer ohne Mechanik werden unterschiedlich bewertet. Doppeltreffer werden negativ gewichtet, und nach einer bestimmten Anzahl von Doppeltreffern im Gefecht folgt eine Verwarnung oder Disqualifikation. Das System fördert sauberes Fechten und taktisches Timing, ist aber kampfrichterabhängig und erfordert geschultes Personal für die Bewertung der Mechanikqualität.
Purpleheart (USA)
Purpleheart verwendet ein Continued-Fencing-System: Das Gefecht wird nach einem Treffer nicht unterbrochen, sondern läuft weiter, wobei der Kampfrichter die Treffer retrospektiv ansagt. Dieses System belohnt flüssiges, druckvolles Durchfechten und das Behalten der Initiative und bestraft den Fechter, der nach einem Treffer stehenbleibt. Es begünstigt aggressive, physische Fechter und Athleten mit hoher Kondition und kann defensivere, distanzorientierte Stile benachteiligen. Die Continued-Fencing-Philosophie ist konzeptionell eng mit der historischen Vor-Nach-Dynamik verwandt.
IFHEMA (international)
Die International Federation for Historical European Martial Arts (IFHEMA) richtet internationale Meisterschaften aus und verwendet ein standardisiertes Regelwerk, das Konsensqualität beansprucht. Trefferwertungen, Strafpunkte und Kampfrichterverfahren sind festgeschrieben und werden über nationale und internationale Seminare geschult. Der IFHEMA-Standard ist auf Ausgewogenheit und internationale Anwendbarkeit optimiert und tendiert weniger zu einem spezifischen Fechtstil, als die oben genannten Regelsysteme.
Was fördert welches Regelwerk?
Vereinfacht lassen sich die Regelwerke auf einem Spektrum von »technisch-restriktiv« bis »physisch-permissiv« verorten: Swordfish und HEMAA liegen am technischen Pol, Purpleheart am physischen, IFHEMA sucht die Mitte. Ein Fechter, der unter allen Regelsystemen besteht, ist ein kompletterer Fechter als einer, der nur unter seinem Heimat-Regelwerk brilliert. Das Training für unterschiedliche Regelwerke — die Anpassung von Timing, Distanz und Technikwahl — ist Teil des taktischen Curriculums fortgeschrittener HEMA-Praxis.
Quellen
- Rulesets der genannten Turniere, einsehbar auf den jeweiligen Veranstaltungswebseiten.
- Farrell, Keith: HEMA Competition. Fallen Rook Publishing, 2017.