Dolch-Training (Meyer)
Didaktischer Aufbau und moderne Trainingspraxis des Dolches nach Meyer

Meyers didaktischer Aufbau
Joachim Meyers Dolch-Unterricht folgt, trotz der geringeren Systematik im Vergleich zu seinen übrigen Waffengattungen, einer erkennbaren didaktischen Progression. Er beginnt mit dem Dolchgriff und der Grundhaltung — der Schüler lernt, wie der Dolch zu fassen ist, wo er getragen wird und wie er schnellstmöglich gezogen werden kann. Meyer betont die Notwendigkeit, den Dolch “nit lang zu suchen”, sondern ihn reflexartig zur Hand zu haben.
Der zweite Schritt ist das Fassen und Kontrollieren des gegnerischen Arms ohne Dolch. Dieses Element entnimmt Meyer dem Ringen — Überblick und isoliert es systematisch, bevor der Dolchstoß hinzutritt. Erst wenn der Schüler den gegnerischen Arm zuverlässig greifen, fixieren und führen kann, wird der Dolchstoß in die Übungssequenz integriert. Diese schrittweise Komplexitätssteigerung — von der Griffhaltung über die Armkontrolle zum Stoß — ist eine klare didaktische Struktur, auch wenn Meyer sie nicht explizit als solche ausweist.
Sicherer Umgang
Historisch war Dolchtraining eine Angelegenheit, die Meyer mit scharfen oder zumindest spitzen Übungswaffen betrieb, deren Gefahr er indirekt anspricht. Er ermahnt den Schüler, den Dolch niemals “mutwillig” zu führen, und setzt voraus, dass die Abwehr des gegnerischen Dolches mit höchster Sorgfalt erfolgt. Im modernen HEMA-Kontext ist der Sicherheitsaspekt zentral: Dolchtraining erfordert spezielle Trainingsdolche — Modelle aus Kunststoff, Holz oder mit stark abgerundeten Klingen aus Stahl — sowie Fechtmasken und Halsprotektoren als Mindestausrüstung. Stoßkräfte müssen kontrolliert und die Zielzonen sorgfältig ausgewählt werden, insbesondere im Halsbereich.
Moderne Trainingsmethoden
Die zeitgenössische HEMA-Dolchpraxis hat mehrere Trainingsmethoden etabliert, die auf Meyers Material aufbauen. Das Partnerbohren der Stücke mit zunehmender Geschwindigkeit und Intensität bildet den Kern. Szenario-Training simuliert realistische Angriffsdistanzen — aus der Nähe, überraschend, ohne Zeit für Huten-Aufnahme. Mehrfach-Gegner-Szenarien erweitern das Training auf Meyers implizite Annahme, dass der Dolchträger in der Notwehr gegen überlegene Kräfte kämpft. Soft-Dagger-Sparring mit weichen Simulatoren schließlich erlaubt begrenztes Freikampftraining unter Sicherheitsbedingungen.
Die Verwendung historisch korrekter Trainingsdolche — basierend auf archäologischen Funden und musealen Referenzstücken des 16. Jahrhunderts — verbindet moderne Sicherheitsstandards mit dem Anspruch an historische Genauigkeit.
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 4. Buch.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015, Dolch-Kapitel.