Tower-Fechtbuch (MS I.33)

Das älteste erhaltene Fechtbuch Europas — Schwert und Buckler, um 1300

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Tower-Fechtbuch (Royal Armouries MS I.33)

Überblick

Das Tower-Fechtbuch — offiziell Royal Armouries MS I.33 — ist das älteste erhaltene Fechtbuch Europas. Entstanden um 1300–1320 im deutschsprachigen Raum (möglicherweise Würzburg oder Lüttich), dokumentiert es den Kampf mit Schwert und Buckler (Faustschild). Es ist etwa 80 Jahre älter als die früheste Liechtenauer-Handschrift (Hs. 3227a) und zeigt, dass die schriftliche Fixierung von Fechtwissen bereits lange vor Liechtenauer existierte.

Die Handschrift befand sich ursprünglich im Tower of London (daher der Name), bevor sie in die Royal Armouries nach Leeds überführt wurde. Der alternativ gebräuchliche Name Walpurgis-Fechtbuch geht auf eine Figur namens Walpurgis zurück, die in einer der Illustrationen erscheint.

Inhalt

Das Manuskript umfasst 32 Blätter (64 Seiten) mit kolorierten Federzeichnungen und lateinischen Texten, durchsetzt mit deutschen Fachbegriffen. Es lehrt ein vollständiges System des Schwert-und-Buckler-Fechtens in Form von aufeinander aufbauenden Lehrstücken.

Die Struktur folgt einem pädagogischen Prinzip: Ein Sacerdos (Priester/Lehrer) und ein Schüler (Scholaris) treten gegeneinander an. Sieben grundlegende Huten (Custodiae) werden definiert, aus denen heraus Angriffe und Gegenangriffe demonstriert werden. Das System umfasst Hiebe, Stiche, Versetzen, Binden und Entwaffnen.

Bemerkenswert ist die technische Raffinesse: Bereits um 1300 werden hier Konzepte wie das obsessio (Besetzen, Festlegen) und obsessio secunda (zweites Besetzen) beschrieben — Begriffe, die an das spätere Liechtenauersche Fühlen und Winden erinnern, wenn auch ohne die elaborierte Drehmechanik.

Bedeutung für die Deutsche Fechtschule

Das Tower-Fechtbuch steht vor der Liechtenauer-Tradition und ist von ihr unabhängig. Dennoch zeigt es, dass die technische Fechtkultur im deutschen Sprachraum bereits um 1300 hochentwickelt war. Liechtenauers System baute nicht auf einem Vakuum auf, sondern auf einer bereits existierenden, vermutlich mündlich tradierten Fechtpraxis.

Die Existenz von I.33 ist ein entscheidendes Argument gegen die Vorstellung, Liechtenauer habe die Fechtkunst “erfunden”. Er systematisierte und kodifizierte sie — aber er schuf sie nicht aus dem Nichts.

Editionen und Forschung

  • Cinato, Franck / Surprenant, André: Le Livre de l’art du combat. Paris 2009 (kritische Edition mit Faksimile).
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Medieval Art of Swordsmanship. Union City 2003 (Faksimile und Übersetzung).
  • Hester, James: A Practical Study of the I.33 Sword and Buckler System. 2011.
  • Wagner, Paul / Hand, Stephen: Medieval Sword and Shield. 2003.

In der modernen Praxis

I.33 ist eine der populärsten Quellen für das moderne Schwert-und-Buckler-Fechten im HEMA. Das System ist vergleichsweise überschaubar (32 Blätter) und damit gut studierbar. Zahlreiche HEMA-Gruppen bieten I.33-Workshops an; Wettkämpfe mit Schwert und Buckler finden regelmäßig statt, etwa beim Swordfish in Schweden.

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