Boldo

Boldo (Peumus boldus)
- Familie: Monimiaceae
- Droge: Boldi folium
- Hauptkomponenten: Ätherisches Öl (Ascaridol, p-Cymol, 1,8-Cineol), Aporphin-Alkaloide (Boldin), Flavonoide, Gerbstoffe
Botanische Bezeichnung: Boldi folium, Monimiaceae
Der immergrüne Strauch stammt aus den chilenischen Anden; die Mapuche nutzten seine Blätter herkömmlich bei Leber- und Gallenbeschwerden sowie gegen Rheuma. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand er Eingang in die europäische Phytotherapie.
Inhaltsstoffe
- 0,5–2 % ätherisches Öl:
- Ascaridol 30–40 % (toxisch! Ein Cyclisches-Monoterpen-Peroxid; siehe Gegenanzeigen)
- p-Cymol 10–30 %
- 1,8-Cineol 10–20 %
- Terpinen-4-ol, Limonen, Linalool, γ-Terpinen, α-Pinen, Terpinolen
- Alkaloide 0,25–0,7 %:
- Boldin (Hauptalkaloid, ein Aporphin-Alkaloid) 0,1–0,3 %
- Isoboldin, Norboldin, Laurotetanin, Laurolitsin und weitere Aporphin-Alkaloide
- Flavonoide (0,5–2 %): Quercetin, Kämpferol, Rhamnetin, Isorhamnetin — als Glykoside
- Gerbstoffe (2–5 %): Catechingerbstoffe
- Cumarine, phenolische Säuren, Harze
Leitsubstanz Boldin: Boldin ist das Hauptalkaloid und gilt als Leitsubstanz der Droge. Standardisierte Extrakte werden auf Boldin-Gehalt eingestellt. Boldin wirkt choleretisch, cholekinetisch, hepatoprotektiv und spasmolytisch.
Wirkungen
Eine Bitterstoffdroge, deren choleretische und spasmolytische Kräfte deutlich ausgeprägt sind.
Innerlich:
- Choleretisch: Die Leber produziert und scheidet mehr Galle und Gallensäuren aus
- Cholekinetisch: Der Gallenabfluss aus Gallenblase und Gallengängen in den Dünndarm wird gefördert; zugleich steigt der Tonus im Sphincter Oddi
- Spasmolytisch: Die glatte Muskulatur von Gallenwegen und Darm erschlafft, besonders bei Krämpfen der Gallengänge
- Hepatoprotektiv: Leberzellen werden vor toxischen Schäden bewahrt (antioxidative Wirkung von Flavonoiden und Boldin)
- Verdauungsfördernd: Die Bitterstoffe regen die Speichel- und Magensaftproduktion an
- Mild diuretisch
- Antimikrobiell: Das ätherische Öl hemmt Bakterien
Pharmakologie von Boldin:
- Besetzt Dopamin-Rezeptoren (D2-Antagonist) und Serotonin-Rezeptoren
- Bremst die Lipidperoxidation und wirkt als Radikalfänger (antioxidativ)
- Hemmt dosisabhängig das Cytochrom-P450-3A4-Enzym (Cyp3A4) – mögliche Arzneimittelinteraktionen (in vitro belegt, klinische Relevanz unklar)
Indikationen
- Krampfartige Gallenbeschwerden, Gallenwegsdyskinesien → siehe Gallenbeschwerden
- Völlegefühl, Blähungen, dyspeptische Beschwerden → siehe Verdauungsstörungen
- Leber-Galle-Schwäche mit Verdauungsstörungen (besonders nach fettreichen Mahlzeiten)
- Chronisch-rezidivierende Gallenbeschwerden
- Leichte funktionelle Leberbeschwerden
- Cholelithiasis (Gallensteine): nur als Begleittherapie nach ärztlicher Abklärung und wenn kein Verschluss vorliegt → siehe Gallenbeschwerden
- Obstipation vom hepatobiliären Typ (Leber-Galle-bedingte Verstopfung)
HMPC-Klassifikation:
- Traditional use: dyspeptische Beschwerden und zur Unterstützung der Leber- und Gallenfunktion
- Traditional use: milde Harnwegsbeschwerden zur Erhöhung der Harnmenge (schwache Evidenz)
ESCOP: Funktionelle dyspeptische Beschwerden, funktionelle Störungen des Gallensystems
Kommission E: Dyspeptische Beschwerden, leichte krampfartige Beschwerden im Bereich des Magen-Darm-Trakts, insbesondere des Gallensystems
Anwendungen
Wichtig: Die Arzneibücher schreiben vor, dass das ätherische Öl der Boldoblätter nicht mehr als 20 % Ascaridol enthalten darf. Bei Teezubereitungen entweicht ein Teil des Ascaridols mit dem Wasserdampf. Dennoch sollte Boldo nur als kontrolliertes Fertigpräparat oder Tinktur mit standardisiertem Extrakt verwendet werden.
Tee (Infus):
- 1 Teelöffel (ca. 1 g) geschnittene Boldoblätter mit 150 ml kochendem Wasser übergießen
- 10–15 Minuten bedeckt ziehen lassen
- 1/2 Stunde vor den Mahlzeiten 1 Tasse trinken
- Maximal 3 Tassen täglich über maximal 4 Wochen (wegen Ascaridol)
- Nicht als Langzeittherapie geeignet
Tinktur:
- 20–30 Tropfen in etwas Wasser, 3-mal täglich 1/2 Stunde vor den Mahlzeiten
- Besonders geeignet als Bitterstoff-Tinktur zur Steigerung des Gallenflusses
Fertigpräparate:
- Boldo-Extrakt-Kapseln/Tabletten (standardisierter Trockenextrakt, typischerweise auf 0,5–2,5 % Boldin eingestellt): Dosierung nach Packungsbeilage
- Boldo-Tropfen (Fluidextrakt): Dosierung nach Packungsbeilage
Äußerlich (indirekt):
- Leberwickel mit Boldo-Tee (selten praktiziert, eher mit Schafgarbe)
- Bauchkompresse bei Gallenkoliken (mit warmem Boldo-Tee)
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Nebenwirkungen:
- Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch selten: leichte Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit
- Bei Überdosierung oder längerer Anwendung: Ascaridol-Toxizität (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwindel, Kopfschmerzen, Leberschädigung)
- Ascaridol wirkt in hohen Dosen neurotoxisch und hepatotoxisch
- Harntreibende Wirkung kann bei übermäßigem Gebrauch zu Elektrolytverlusten führen
Gegenanzeigen:
- Verschluss der Gallenwege (Gallensteineinklemmung), Cholangitis: kontraindiziert! Cholagoga dürfen bei mechanischem Verschluss nicht eingesetzt werden, da der erhöhte Gallenfluss hinter dem Verschluss zu massiven Schmerzen und Entzündung führt
- Schwere Lebererkrankungen (Leberzirrhose, akute Hepatitis, Lebertumoren)
- Intrahepatische Cholestase
- Akute Entzündung der Gallenblase oder des Gallengangs
- Schwangerschaft und Stillzeit: Keine ausreichenden Daten zur Sicherheit, insbesondere wegen Ascaridol und Boldin → kontraindiziert
- Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Keine ausreichenden Daten → nicht empfohlen
- Niereninsuffizienz (vorsichtshalber)
Wechselwirkungen:
- Cytochrom-P450 3A4-Substrate: Boldin hemmt Cyp3A4 in vitro; Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme von Arzneimitteln, die über Cyp3A4 metabolisiert werden (z.B. bestimmte Statine, Calciumantagonisten, Benzodiazepine)
- Alkohol: additive hepatische Belastung vermeiden
Anwendungsdauer:
- Nicht länger als 2–4 Wochen ohne ärztliche Konsultation
- Keine Dauertherapie
Kombinationen
Boldo wird selten als Monodroge, öfter in Kombinationspräparaten für Leber und Galle eingesetzt:
- Boldo + Mariendistel = hepatoprotektiv-choleretische Kombination → siehe Lebererkrankungen, Gallenbeschwerden
- Boldo + Artischocke = synergistisch choleretisch und cholesterinsenkend → siehe Gallenbeschwerden, Lebererkrankungen
- Boldo + Löwenzahn = choleretisch-stoffwechselanregende Mischung → siehe Gallenbeschwerden
- Boldo + Schafgarbe = gallewirksam-spasmolytische Kombination → siehe Gallenbeschwerden
- Boldo + Pfefferminze = spasmolytisch auf Gallenwege und Darm → siehe Gallenbeschwerden
- Boldo + Erdrauch = galleanregend bei Leber-Galle-Schwäche → siehe Gallenbeschwerden
- Boldo + Schöllkraut = spasmolytisch bei Gallenkoliken (nur unter ärztlicher Aufsicht) → siehe Gallenbeschwerden
- Boldo + Rosmarin = cholagog-durchblutungsfördernde Kombination
Fertigarzneimittel (Beispiele):
- Boldocyclon (Boldo + Schöllkraut + Erdrauch u.a.)
- Cholagogum-Kapseln (Artischocke + Boldo + Pfefferminze u.a.)