Saegepalme

Sägepalme (Serenoa repens)
Inhaltsstoffe
Fettes Öl (Fructus)
- Fettsäuren (ca. 85-95 % des lipophilen Extraktes): Caprylsäure (C8:0, 1-2 %), Caprinsäure (C10:0, 1-3 %), Laurinsäure (C12:0, 25-30 %), Myristinsäure (C14:0, 10-15 %), Palmitinsäure (C16:0, 8-12 %), Ölsäure (C18:1, 20-30 %), Linolsäure (C18:2, 3-5 %)
- Die freien Fettsäuren stellen mit ca. 60-65 % einen ungewöhnlich hohen und therapeutisch relevanten Anteil des fetten Öls
Sterole
- Phytosterole (0,2-0,4 %): ß-Sitosterol (ca. 60 % der Sterolfraktion), Campesterol, Stigmasterol, Cycloartenol
Weitere lipophile Inhaltsstoffe
- γ-Linolensäure (GLA, ca. 0,5-1 % der Gesamtfettsäuren)
- Gibberelinsäure (pflanzliches Wachstumshormon, in Spuren)
- Flavonoide (Rutin, Isoquercitrin, im lipophilen Extrakt nur Spuren)
- Polysaccharide, Gerbstoffe und Spuren ätherischen Öls
Standardisierung: Fertigarzneimittel werden auf 85-95 % Fettsäuren und Sterole standardisiert, entweder als hexanischer oder ethanolischer Lipid-Sterol-Extrakt (DEV 10-14,3:1).
Wirkungen
- Hemmt das Prostatawachstum (antiproliferativ), indem es Aromatase und 5-alpha-Reduktase blockiert
- Lindert Miktionsbeschwerden
- Verbessert Harnfluss und Blasenentleerung
- Entzündungshemmend und bakteriostatisch
- Wird als “pflanzlicher Katheter” bezeichnet
Wirkmechanismen
- 5α-Reduktase-Hemmung: Die freien Fettsäuren (v. a. Laurin- und Myristinsäure) sowie die Phytosterole hemmen beide Isoenzyme der 5α-Reduktase (Typ I in Leber und Haut, Typ II im Prostataepithel). Dadurch sinkt die lokale Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) — das proliferativ wirksame Androgen im Prostataepithel — um 30-40 %. Dies ist der Hauptwirkmechanismus.
- Aromatase-Hemmung: Zusätzlich wird die Aromatase gehemmt (weniger ausgeprägt als bei Brennnesselwurzel), die Testosteron in Östrogen umwandelt — ein synergistischer Effekt zur 5α-Reduktase-Hemmung.
- Hemmung der DHT-Androgenrezeptor-Bindung: Der Sägepalme-Extrakt verdrängt DHT kompetitiv vom zytosolischen Androgenrezeptor (IC₅₀ ~100 µg/ml). Damit wird die proliferative Signalübertragung unterbrochen, selbst wenn noch DHT vorhanden ist.
- Antiphlogistisch: Die Fettsäuren hemmen die Cyclooxygenase (COX-1 und COX-2) und die 5-Lipoxygenase → entzündliche Prostaglandine und Leukotriene im Prostatastroma werden reduziert.
- Antiproliferativ: Durch die Unterdrückung des DHT- und EGF-Signalwegs (Epidermal Growth Factor) wird die Apoptose in Prostataepithelzellen angeregt und die Stromaproliferation gebremst.
- Relaxierung des Blasenhalses: α₁-Adrenozeptor-blockierende Wirkung und direkte Spasmolyse der glatten Muskulatur von Blasenhals und prostatischer Harnröhre — ähnlich wie α-Blocker (z. B. Tamsulosin), aber schwächer und physiologischer.
- Bakteriostatisch/Biofilm-Hemmung: Laurinsäure und andere mittelkettige Fettsäuren wirken bakteriostatisch gegen E. coli und Staphylococcus saprophyticus und behindern die Biofilmbildung uropathogener Keime.
Indikationen
- HMPC: Well-established use — symptomatische Behandlung von Miktionsbeschwerden bei benigner Prostatahyperplasie (BPH) Stadium I-II nach Alken
- ESCOP: Symptomatische Behandlung von Miktionsbeschwerden bei BPH Stadium I-II
- Kommission E: Miktionsbeschwerden bei Prostataadenom Stadium I-II
- Miktionsbeschwerden bei Prostatahypertrophie
- Chronische Prostatitis und Reizblase
Wichtig: Vor Therapiebeginn muss ein Prostatakarzinom ärztlich ausgeschlossen werden. Da eine BPH progredient ist, sind regelmäßige urologische Kontrollen nötig. Sägepalme lindert nachweislich die Symptome (IPSS-Score-Verbesserung um 4-6 Punkte), nicht aber die objektive Prostatagröße.
Anwendungen
Wichtig: Die lipophilen Wirkstoffe (freie Fettsäuren, Sterole) sind wasserunlöslich. Eine Teezubereitung ist daher weder wirksam noch sinnvoll.
Fertigarzneimittel
- Tagesdosis: 320 mg lipophiler Sägepalme-Extrakt (DEV 10-14,3:1, hexanisch oder ethanolisch, 85-95 % Fettsäuren und Sterole)
- Aufgeteilt auf 1-2 Gaben zu den Mahlzeiten
- Wirkungseintritt: erst nach 4-6 Wochen, die volle Wirkung nach 3-6 Monaten
- Therapiedauer: mindestens 3 Monate, üblicherweise 6-12 Monate; Langzeittherapie ist möglich
Monopräparate
- Prostess® uno (Kapseln): 1-mal täglich 320 mg Sägepalme-Extrakt
- ProstaUrgenin® (Kapseln): 1-mal täglich 320 mg Sägepalme-Lipidsterol-Extrakt
- Sägepalme-ratiopharm® (Kapseln): 1-mal täglich 320 mg Extrakt
- Strogen® uno (Kapseln): 1-mal täglich 320 mg Dickextrakt
- Talso® uno (Kapseln): 1-mal täglich 320 mg Extrakt (DEV 10:1)
Kombinationspräparate
- Prostagutt® uno (Kapseln): 1-mal täglich 320 mg Sägepalme-Extrakt + 320 mg Brennnesselwurzel-Trockenextrakt
- Prostagutt® forte (Kapseln): 2-mal täglich 160 mg Sägepalme + 120 mg Brennnesselwurzel-Extrakt
Tinktur (Eigenherstellung)
Wegen ihrer Größe werden Sägepalme-Früchte als Mazerat angesetzt:
- 100 g zerkleinerte getrocknete Sägepalme-Früchte mit 500 ml 70-80 %igem Alkohol übergießen
- 6-8 Wochen ziehen lassen und täglich schütteln
- Danach abseihen und 3-mal täglich 20-30 Tropfen zu den Mahlzeiten nehmen
- Beachte: Die Wirkstoffkonzentration liegt niedriger und schwankt stärker als bei standardisierten Fertigarzneimitteln. Für eine selbst hergestellte Zubereitung ist die Wirksamkeit nicht durch Studien belegt.
Nebenwirkungen / Gegenanzeigen
Nebenwirkungen: Selten (1-2 %) leichte Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Kopfschmerzen und Durchfall. Sehr selten Gynäkomastie (durch Aromatasehemmung entsteht periphere relative Östrogendominanz) und erektile Dysfunktion (Folge der DHT-Hemmung, reversibel).
Gegenanzeigen: Keine. Nicht bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren (fehlende Indikation).
Wechselwirkungen: Keine klinisch relevanten bekannt. Theoretische Vorsicht bei gleichzeitiger Hormontherapie (antiandrogene Behandlung) oder 5α-Reduktase-Hemmern (Finasterid, Dutasterid) — additive Wirkung möglich. Bei gleichzeitiger Gabe von Antikoagulanzien (Marcumar) wird eine INR-Kontrolle empfohlen (theoretisch mögliche schwache Thrombozytenaggregationshemmung durch Fettsäuren).
Schwangerschaft / Stillzeit: Nicht anwendbar (fehlende Indikation; die antiandrogene Wirkung könnte männlichen Föten schaden).
Kombinationen
- Mit Brennnesselwurzel bei Prostatahyperplasie (synergistisch: 5α-Reduktase-Hemmung plus Aromatasehemmung)
- Mit Kürbiskerne zur Stärkung der Blasenfunktion
- Mit Weidenröschen bei Reizblase und Prostatitis
Siehe auch
- Prostataerkrankungen — ausführliche Indikationsübersicht
- Reizblase — verwandte Indikation
- Harnwegsinfekte — bei chronischer Prostatitis als Komorbidität
- Brennnesselwurzel — synergistisches Pflanzenprofil
- Bewährtes Kombinationspräparat: Prostagutt® uno
- Harnwege — Indikationsübersicht Harnwegsbeschwerden