Brennnessel

Brennnessel (Urtica dioica)
- Familie: Urticaceae
- Droge: Urticae herba (Kraut)
Inhaltsstoffe:
- Bis 20 % Mineralstoffe (Kieselsäure ca. 2–5 %, Kalium 3–5 %, Calcium 2–5 %, Magnesium 0,5–1 %, Natrium 0,1 %, Eisen 10–50 mg/100 g, Phosphor, Mangan, Zink, Kupfer)
- Flavonoide (Quercetin-, Kämpferol- und Isoquercitrin-Glykoside, bis 2 %) — starke antioxidative, entzündungshemmende Wirkung
- Acetylcholin (in den Brennhaaren ca. 0,01–0,05 % — für die brennende Wirkung der frischen Nessel verantwortlich)
- Ungesättigte Fettsäuren (Linolsäure, α-Linolensäure)
- Caffeoylchinasäuren (Chlorogensäure, Kaffeesäure — entzündungshemmend, antioxidativ, hepatoprotektiv)
- Chlorophyll (hoher Gehalt — macht die schöne grüne Farbe in Tee und Saft)
- 0,1–0,3 % Phytosterole (β-Sitosterol, Campesterol, Stigmasterol) — immunmodulierend, entzündungshemmend
- Phenolcarbonsäuren, Carotinoide (β-Carotin), Vitamin C (bis 300 mg/100 g frisches Kraut — so viel wie Orangen!), Vitamin B-Gruppe, Vitamin K1
- Biogene Amine (Serotonin, Histamin Spuren in den Brennhaaren), Lektine (in frischer Nessel)
- Pflanzenschleime (ca. 5–10 %)
- Gerbstoffe (in geringer Menge)
Wirkungen
Innerlich:
Im Mittelpunkt steht:
- Harntreibend: starke aquaretische Aktivität (über Osmose durch den hohen Kaliumgehalt, daneben ein kaliumunabhängiger Mechanismus über Flavonoide) — die Wasser- und Harnsäureausscheidung nimmt deutlich zu, fast vergleichbar mit Furosemid, zugleich aber mit Kalium-Retention (im Gegensatz zu synthetischen Diuretika kein Kaliumverlust!)
- Antiarthrotisch und antirheumatisch: in klinischen Langzeitstudien (12 Wochen) ging nach täglicher Gabe von Brennnesselextrakt die Gelenksteifigkeit deutlich zurück, die Beweglichkeit besserte sich signifikant und die subjektive Schmerzbelastung sank um ca. 30–50 %.
- Entzündungshemmend: drosselt die Bildung von proinflammatorischen Zytokinen (TNF-α, IL-1β, IL-6) und die NF-κB-Aktivierung — in etwa wie ein milder Zytokinhemmer
- Deutliche Schmerzlinderung und bessere Beweglichkeit bei Arthrose und rheumatoider Arthritis
- Reduziert Gelenkschwellung, Gelenkerguss und Überwärmung in rheumatischen Schüben
- Blutbildend: liefert gut verwertbares, pflanzliches Eisen (10–50 mg/100 g) sowie Vitamin C (verbessert die Eisenresorption um 300 %) bei Eisenmangelanämie
- Milchbildungsfördernd (laktagog): unterstützt die Milchbildung in der Stillzeit (Vitamin- und Mineralstofflieferant)
- Stoffwechselanregend: Lebe- und Nierenfunktion werden angeregt, „Entschlackung" gefördert (Harnsäure- und Harnstoffausscheidung)
- Leicht blutzuckersenkend (bei Diabetes Typ 2 milder Effekt)
- Entzündungshemmend auf die Harnwege: lindert Reizzustände der ableitenden Harnwege, wirkt über die Durchspülung prophylaktisch gegen Harnwegsinfekte und Nierengrieß
- Immunmodulierend, allgemein tonisierend und „roborierend" (kräftigend)
- Dämpft allergische Reaktionen (Flavonoide hemmen die Histaminfreisetzung) → leichte antiallergische Wirkung bei Heuschnupfen
Äußerlich vor allem mit Brennnesselwurzel (siehe separates Kapitel): nicht in diesem Profil behandelt.
Äußerlich mit Brennnesselkraut:
- Frische Brennnesselpeitsche: durchblutungsfördernd, wärmend (traditionelle „Flagschung"-Methode bei Rheuma und Arthrose — die Hautreizung regt die Durchblutung der betroffenen Gelenke an und führt Wärme zu)
- Wundheilungsfördernd (Brennnesselsaft auf Wunden und Ekzeme)
- Haarwuchs-fördernd (Brennnesselhaarwasser), gegen Schuppen
Indikationen
- HMPC Brennnesselkraut (innerlich): Traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur unterstützenden Behandlung von rheumatischen Erkrankungen; zur Durchspülung bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege
- ESCOP: Adjuvante Therapie rheumatischer Beschwerden; Durchspülung bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und zur Vorbeugung und Behandlung von Nierengrieß
- Unterstützende Behandlung rheumatischer Beschwerden (rheumatoide Arthritis, Arthrose, Hexenschuss/Lumbago, Weichteilrheumatismus, Morbus Bechterew, Gicht — chronische Stadien, keine akuten Anfälle!)
- Als Monotherapie bei leichter Arthrose oder als Begleittherapie zu NSAR: führt zu signifikanter Dosisreduktion der synthetischen Antirheumatika (um bis zu 50 % in Studien) und somit zu weniger NSAR-Nebenwirkungen
- Degenerative Gelenkleiden mit Entzündungskomponente: Arthrose aller Gelenke, Sehnenprobleme (Tendinitis, Tendovaginitis), Zerrungen, chronische Rückenschmerzen (Spondylose)
- Entzündliche Erkrankungen der ableitenden Harnwege (Zystitis, Urethritis, Urethralsyndrom) — Durchspülungstherapie
- Vorbeugung und Behandlung von Nierengrieß und Nierensteinen (besonders Kalziumoxalat: keine Oxalsäure in Brennnesselkraut enthalten! Brennnessel enthält eine andere Säurestruktur)
- Chronische Hautleiden (Ekzeme, Neurodermitis, Akne, Psoriasis) — innerlich als Begleittherapie, äußerlich als Waschung
- Eisenmangelanämie (als natürlicher, gut verträglicher Eisen- und Vitamin-C-Lieferant)
- Frühjahrskur: Entschlackung und Stoffwechselanregung nach dem Winter — klassischer Bestandteil einer jeden Frühjahrskur
- Rund um die Geburt (Milchbildungsförderung, Eisenlieferant)
- Als mildes Antiallergikum bei Heuschnupfen (Flavonoide, Mastzellstabilisierung)
- Diabetes mellitus Typ 2 als adjuvante stoffwechselanregende Komponente
[!NOTE] Hinweis Informationen zur Brennnesselwurzel finden sich im Kapitel Harnwege.
Anwendungen
- Tee (Infus) innerlich: 3–4 EL (ca. 3–5 g) Brennnesselkraut mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, 10 Min. zugedeckt ziehen lassen, abseihen. 3–4 Tassen täglich zwischen den Mahlzeiten. Tagesdosis: 9–20 g Droge. Mindestanwendungsdauer: 2–4 Wochen, bei Rheuma 12 Wochen. Reichlich Flüssigkeit insgesamt zuführen (mindestens 2 Liter/Tag) — die harntreibende Wirkung setzt rasch ein und ist flüssigkeitsunabhängig.
- Frischer Brennnesselsaft (Presssaft): 2–3-mal täglich 10–15 ml in etwas Wasser vor den Mahlzeiten. Sehr mineralstoff- und vitaminreich. Kann mit etwas Obstsaft gemischt werden.
- Frühjahrskur mit Brennnesselsaft: Frische Brennnesseln sammeln (nur vor der Blüte, junge Triebe, von März–Mai), entsaften (Entsafter). Am Morgen 50 ml frischer Nessel-Saft. Oder 200 g frische Brennnesseln als Spinat-Ersatz dünsten — der Brenn-Effekt verschwindet beim Erhitzen.
- Tinktur: Urticae tinctura, bei Rheuma und Zystitis 3-mal täglich 30–40 Tropfen in Wasser.
- Fertigarzneimittel: Brennnesselextrakt-Tabletten/Kapseln (z.B. Hox alpha mit 300 mg Brennnesselextrakt pro Tablette, 2 Tabletten 3-mal tägl.), Brennnessel-Kombinationspräparate in Rheuma-Präparaten.
- Brennnessel-Waschung (äußerlich bei Hautleiden): 10 EL Kraut auf 2 Liter Wasser als Infus zubereiten, filtern und mit dem abgekühlten Sud die Haut mehrmals täglich waschen (bei Ekzemen, Akne, fettiger Haut).
- Brennnessel-Bad für Rheuma und Arthrose: 300–400 g Brennnesselkraut mit 3 Liter Wasser als Dekokt zubereiten, dem Badewasser zugeben. Badedauer: 15–20 Min. bei 37–38 °C. Anschließend gut abtrocknen und warm anziehen.
- Brennnessel „Peitsche" (traditionelles Rheuma-Mittel): Frische Brennnesselzweige leicht über die schmerzenden Gelenke schlagen („Flagschung"). Die Nesseln setzen Acetylcholin und Histamin frei (Rötung, Quaddelbildung) — dies erzeugt eine starke, sofort einsetzende Durchblutungssteigerung im betroffenen Gelenk mit hyperämisierender, entzündungshemmender und schmerzlindernder Wirkung, die mehrere Stunden anhalten kann. Nur anwenden bei intakter Haut ohne offene Wunden!
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Nebenwirkungen: Bei innerlicher Einnahme von Tee, Saft oder Extrakt sind keine relevanten Nebenwirkungen dokumentiert — Brennnessel zählt zu den sichersten Drogen der Pflanzenheilkunde. Bei empfindlichen Personen treten gelegentlich leichte Magen-Darm-Beschwerden auf (Brennnessel-Tee auf leeren Magen kann Übelkeit auslösen — dann zu den Mahlzeiten einnehmen). Bei der Brennnessel-Peitsche: vorübergehend Quaddeln und brennender Schmerz (gewünschter Effekt, klingt nach 10–30 Min. ab). Personen, die unter Nesselsucht (Urtikaria) oder Histamin-Intoleranz leiden, können allergisch reagieren (wegen des Histamins in den Brennhaaren).
Gegenanzeigen:
- Ödeme infolge eingeschränkter Herz- oder Nierentätigkeit — keine Durchspülungstherapie, wenn die erhöhte Flüssigkeitszufuhr klinisch kontraindiziert ist (Herzinsuffizienz, Nierenversagen). Stattdessen Brennnessel-Extrakt verwenden, der weitgehend flüssigkeitsunabhängig wirkt.
- Überempfindlichkeit gegen Brennnessel
- Bei bereits bekannten Kalziumoxalatsteinen moderate Dosierung (die Kalziumbilanz nicht verschlechtern; Brennnesselkraut enthält keine Oxalsäure, stellt also keine direkte Kontraindikation dar)
- Schwangerschaft: Der Tee ist in normaler Dosierung bei Erkältungen und Frühschwangerschaftsjuckreiz (Pruritus gravidarum) traditionell unbedenklich. Mangels HMPC-Daten wird die Empfehlung formal jedoch eingeschränkt.
Kombinationen
- Bei chronischer Arthrose und rheumatischen Beschwerden mit Teufelskralle und Weidenrinde (entzündungshemmende, analgetische Synergie)
- Bei Prostatahyperplasie Stadium I–II mit Brennnesselwurzel (Kraut und Wurzel ergänzen sich in der Organwirkung)
- Bei Harnwegsinfekten mit Goldrute und Bärentraubenblätter (Durchspülung + antibakteriell + harntreibend)
- Als starke harntreibende Kombination und für die Frühjahrskur mit Birkenblätter und Löwenzahn (ausleitende Verfahren)
- Bei Prostatabeschwerden mit Brennnesselwurzel und Sägepalmenfrüchten (Wurzel + Kraut + Sägepalme)
- Bei metabolischem Syndrom, Diabetes Typ 2 mit Fettleber und erhöhten Harnsäurewerten mit Mariendistel und Artischocke
- Als Rheuma-Dreifach-Kombination mit Weidenrinde und Rosmarin (Bad) (entzündungshemmend, schmerzlindernd, durchblutungsfördernd)
- Für die Wundheilung und bei entzündlichen Hauterkrankungen mit Schafgarbe und Kamille (äußerlich)
- Mit Hafer (Haferstroh-Bad) als beruhigendes, mineralisierendes Bad bei Rheuma und juckenden Hauterkrankungen
- Mit Melisse und Fenchel als lindernder Stilltee (beruhigend + milchfördernd + verdauungsfördernd)