Weißdorn

Weißdorn (Crataegus monogyna/laevigata, Rosaceae)
Droge: Crataegi folium cum flore/fructus
Inhaltsstoffe
Blätter und Blüten (Crataegi folium cum flore):
- 1–2 % Flavonoide (Hyperosid, Rutin, Vitexin, Vitexin-2’'-O-rhamnosid als wichtigster Leitsubstanzmarker sowie Apigenin-, Luteolin- und Quercetin-Derivate) — die herzwirksamen Leitkomponenten
- 2–3 % Procyanidine (Polyphenole, oligomere Proanthocyanidine = OPC) — stark antioxidativ, gefäßprotektiv, arteriosklerosepräventiv
- Biogene Amine (Tyramin 0,01–0,05 %, Phenylethylamin, Acetylcholin 0,01–0,05 %) — gefäßerweiternd, positiv inotrop
- Triterpensäuren (Ursolsäure 0,5–1 %, Oleanolsäure 0,3–0,8 %, Crataegolsäure) — entzündungshemmend, lipidsenkend
- Phenolcarbonsäuren (Chlorogensäure, Kaffeesäure) bis 1 %
- Sterole (β-Sitosterol, Campesterol) und Polysaccharide
- Gerbstoffe (ca. 1–3 % Catechingerbstoffe/kondensierte Tannine)
Früchte (Crataegi fructus):
- Reich an Vitamin C (bis zu 100 mg/100 g frische Früchte) sowie Vitamin A und der B-Gruppe
- Höherer Gehalt an Procyanidinen (OPC), etwas weniger Flavonoide als in Blättern und Blüten
- Pektine, Zucker (Glucose, Fructose, Sorbit) und organische Säuren
- Mineralstoffe (Kalium, Calcium, Magnesium, Eisen)
Wirkungen
Innerlich — am Herz-Kreislauf-System:
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Stärkt die Herzkraft (positiv inotrop): Schlagstärke und Kontraktionsfähigkeit des Herzmuskels verbessern sich — Procyanidine und Flavonoide erhöhen die Kalziumempfindlichkeit der Myokardfilamente und kräftigen so die Kontraktion, ohne den Sauerstoffverbrauch zu erhöhen (kein Sauerstoff-Mehrverbrauch wie bei Digitalisglykosiden). Zusätzlich hemmen Procyanidine die myokardiale Na⁺/K⁺-ATPase (Digitalis-ähnlich, aber deutlich milder und ohne Toxizität).
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Verbessert die Durchblutung von Herzkranzgefäßen und Herzmuskel (koronardilatatorisch): Procyanidine und Flavonoide entspannen die glatte Muskulatur der Koronargefäße und steigern den koronaren Blutfluss um 20–40 % (in Studien gezeigt) — mit verbesserter Sauerstoffversorgung des Herzmuskels.
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Senkt den Gefäßwiderstand (Afterload): Die arteriellen Gefäße erschlaffen, peripherer Gefäßwiderstand und Herz-Arbeitslast sinken (Vasodilatation durch OPC und biogene Amine). Blutdrucksenkend: systolischer und diastolischer Wert gehen milde zurück (effektive RR-Senkung um 10–15 mmHg in Studien mit 1200 mg Weißdornextrakt/Tag).
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Reguliert den Herzrhythmus (antiarrhythmisch): Die Reizleitungsfähigkeit wird gesteigert (positiv dromotrop), und der Schutz vor ventrikulären und supraventrikulären Herzrhythmusstörungen — insbesondere ventrikulären Extrasystolen — verbessert sich. Membranstabilisierend verlängern die Flavonoide die effektive Refraktärzeit, blockieren Kalium- und Calcium-Kanäle, hemmen Nachdepolarisationen und reduzieren ektopische Erregungsherde.
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Verbessert subjektive Beschwerden der Herzinsuffizienz: In klinischen Studien (z. B. SPICE-Studie 2009) gingen Atemnot, Abgeschlagenheit, Palpitationen (Herzrasen), Belastungsdyspnoe und Leistungseinschränkung placebo-kontrolliert signifikant zurück. Belastbarkeit und Lebensqualität verbessern sich bei NYHA-I–II-Patienten (eingeschränkt auch NYHA III).
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Reguliert vermutlich den Sympathikotonus: Die Ausschüttung von Stresshormonen sinkt, die vegetative Balance normalisiert sich → psychische Erregung und begleitende Herz-Kreislauf-Symptome nehmen ab (sympatholytisch).
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Verbessert die Sauerstoffversorgung (auch unter Höhenbedingungen — Bergsteigen!): Schützt vor Sauerstoffmangel und wirkt protektiv gegen ischämischen Reperfusionsschaden (über antioxidative Procyanidine und Flavonoide).
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Antioxidativ und radikalfangend: Schützt vor aggressiven Sauerstoffradikalen (ROS), verhindert die Oxidation von LDL-Cholesterin (Arteriosklerose-Prävention) und eine Myokardschädigung.
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Arterioskleroseprotektiv: Die Kollagen-Strukturen der Gefäßwand werden gestärkt, Arterien bleiben elastischer (OPC).
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Steigert körperliche Belastbarkeit und Arbeitstoleranz, bessert das seelische Befinden und mindert Angst sowie depressive Begleitsymptome.
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Unterstützt bei Unruhe, Schlafstörungen, Ängsten, Nervosität und Depression — die Stressbewältigung verbessert sich.
[!NOTE] Besonderheit der Weißdorn-Wirkung Anders als Digitalis-Glykoside (z. B. Digoxin) kräftigt Weißdorn das Herz ohne Mehrverbrauch des myokardialen Sauerstoffs und ohne Gefahr einer Digitalisvergiftung. Zugleich senkt Weißdorn den Gefäßwiderstand und bessert die Koronardurchblutung. Er wirkt also mehrdimensional am Herz-Kreislauf-System: myokardial (positiv inotrop), vaskulär (vasodilatierend, blutdrucksenkend), rhythmisch (antiarrhythmisch), metabolisch (sauerstoffsparend) und neurohumoral (sympatholytisch).
Indikationen
- HMPC: Traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Unterstützung der Herz-Kreislauf-Funktion beziehungsweise des kardiovaskulären Systems (Herz und Gefäße); Linderung von Symptomen vorübergehender psychischer Belastung (z. B. Herzklopfen bei Nervosität)
- ESCOP: Nachlassende kardiale Leistungsfähigkeit entsprechend Stadium I–II nach NYHA; Druckgefühl in der Herzgegend (nicht-anginöse Pektangien); leichte Formen von Bradyarrhythmien
- Kommission E: Nachlassende Leistungsfähigkeit des Herzens im Sinne von Stadium I–II NYHA; Druck- und Beklemmungsgefühl in der Herzgegend; Altersherz — auch für die Langzeittherapie geeignet und nebenwirkungsfrei
Hauptindikationen:
- Mittel der Wahl beim Altersherz (Cor senile) — altersbedingt nachlassende Herzleistung
- Funktionelle Herzbeschwerden (psychosomatisch, vegetativ, “Herzneurose”) — für die Selbstmedikation gut geeignet, da sicher und gut verträglich
- Leichte Formen der Herzinsuffizienz (NYHA I–II, in Studien teils bis NYHA III)
- Begleittherapie bei koronarer Herzkrankheit (KHK) und stabiler Angina pectoris (senkt die Angina-Frequenz, verbessert die Belastbarkeit im Belastungs-EKG)
- Herzrhythmusstörungen: Extrasystolie, supraventrikuläre Tachykardien und leichte bradykarde Rhythmusstörungen (Bradyarrhythmie)
- Hypertonie Stadium I (als Monotherapie milde Blutdrucksenkung möglich, sonst adjuvant)
- Prävention von arterieller Hypertonie und Arteriosklerose
- Metabolische Kardiomyopathie und diastolische Dysfunktion (bei Diabetes, metabolischem Syndrom)
- Nachsorge nach Myokardinfarkt (adjuvant, verbessert die myokardiale Erholung)
- Nachsorge nach Grippe und anderen Infektionskrankheiten (Postinfektions-Myokardschwäche)
- Funktionelle und vegetative Herzbeschwerden mit Angst, Nervosität und Unruhe
- Begleitend bei Depression mit Somatisierung am Herz-Kreislauf-System
- Müdigkeit und Erschöpfung mit kardialer Komponente
- Paradoxerweise auch bei leichtem Hypertonus als ausgleichende, mildernde Blutdruckregulation
[!TIP] Anwendungsdauer von Weißdorn
- Bis die herzstärkende Wirkung spürbar einsetzt, sind mindestens 6 Wochen Einnahmedauer nötig
- Die volle Wirkung entfaltet sich erst nach 5–8 Wochen kontinuierlicher Einnahme (Weißdorn ist kein Akutmedikament — er wirkt langsam und nachhaltig tonisierend)
- Eine längere Einnahmedauer (mehrere Monate bis Jahre) ist ausdrücklich empfohlen, klinisch bewährt und absolut nebenwirkungsfrei
Anwendungen
- Tee (Infus/Warmauszug aus Blättern mit Blüten): 2 TL (ca. 2–3 g) Weißdornblätter mit Blüten mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, 10–15 Min. zugedeckt ziehen lassen, abseihen. 3–4 Tassen täglich zwischen den Mahlzeiten. Tagesdosis der Droge: 5–12 g. Der Tee eignet sich ideal als milde Herzstärkung und Tonisierung sowie bei funktionellen Herzbeschwerden (Selbstmedikation).
- Fertigarzneimittel (bevorzugter, klinisch geprüfter Standard): Trockenextrakt-Präparate standardisiert auf ca. 2–3 % Flavonoide oder 18,75 % Procyanidine (OPC). Typische Tagesdosis 600–1800 mg Extrakt, meist auf 2–3 Einzeldosen verteilt (z. B. 600–900 mg 2-mal täglich, 450 mg 3-mal täglich), nach den Mahlzeiten. Bekannte Präparate: Crataegutt, Faros, Crateamin, Cratonin, Weißdorn STAD A, Korodin Herz-Kreislauf-Tropfen (mit Campher-Zusatz — Vasotonikum).
- Tinktur: Crataegi tinctura (DAB), falls verfügbar: 2–4-mal täglich 20–40 Tropfen in Wasser. Tagesdosis: 2–5 ml Tinktur.
- Herzstärkender Wein: 100 g getrocknete Weißdornfrüchte + 1 Liter Weißwein, 14 Tage kühl und dunkel ansetzen, abfiltern. Abends 1 Likörglas (20 ml) als Kordial trinken. Sehr milde, traditionsreiche Applikationsform fürs Altersherz.
- Frische Weißdorn-Früchte: Essbare Wildfrucht, geeignet für Marmelade, Mus oder Kompott. 1 EL frische Früchte oder Mus täglich als Erhaltungstherapie.
Nebenwirkungen: In klinischen Studien und langjähriger Praxis zeigt sich in der Monotherapie keine relevante Nebenwirkung von Weißdorn-Extrakt (bis 1800 mg/Tag). Selten leichte Magen-Darm-Beschwerden (Sodbrennen, Übelkeit, Durchfall) — meist vorübergehend und dosisabhängig. Gelegentlich Hautjucken oder Exanthem.
Gegenanzeigen: Sehr gute Verträglichkeit. Überempfindlichkeit gegen Weißdorn. Keine Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit mangels klinischer Daten. Bei schweren Herzrhythmusstörungen (ventrikuläre Tachykardie, AV-Block Grad 2–3) und hochgradiger Herzinsuffizienz (NYHA IV) ist Weißdorn nicht indiziert — hier steht die ärztliche, klinische Behandlung an erster Stelle.
Wechselwirkungen: Keine relevanten bekannt. Kombinierbar mit Standard-Herzmedikamenten (ACE-Hemmer, Betablocker, Diuretika, Digitalis). Bei Digitalis-Einnahme ist eine additive positiv-inotrope Wirkung möglich → Digitalis-Serumspiegel-Kontrollen empfohlen; eine klinisch relevante Interferenz ist jedoch nicht dokumentiert.
Kombinationen
- Mit Rosmarin bei Herzschwäche mit Hypotonie (Weißdorn myokardial stärkend, Rosmarin kreislaufanregend)
- Mit Ginkgo bei arterieller Hypertonie und beginnender Arteriosklerose mit Mikrozirkulationsstörungen (Gefäßschutz plus Durchblutungsverbesserung)
- Mit Mistel (Kaltauszug — nur unter ärztlicher Aufsicht!) bei Hypertonie als adjuvante, ergänzende Behandlung (synergistisch blutdrucksenkend)
- Mit Johanniskraut bei funktionellen Herzbeschwerden mit depressiver Verstimmung und Angst (“Herzneurose”)
- Mit Baldrian und Melisse bei vegetativer Dystonie mit Herzklopfen und Unruhe (Nervositas cardiaca)
- Mit Artischocke und Mariendistel bei metabolischem Syndrom mit beginnender Herzinsuffizienz (Kardio-Hepato-Kombination)
- Mit Brennnessel und Löwenzahn bei Hypertonie mit Ödemneigung (leichte Diurese plus Blutdrucksenkung plus Gefäßschutz)
- Mit Baldrian als Einschlafhilfe bei Herzklopfen und nächtlicher Unruhe (Weißdorn- und Baldrian-Tee/-Bad)
- Mit Knoblauch bei Arteriosklerose und Hypercholesterinämie (Gefäßschutz plus Lipidsenkung plus Blutdrucksenkung)
- Mit Lavendel und Melisse als mildes, angstlösendes Herz-Beruhigungs-Bad bei funktionellen Herzbeschwerden