Baldrian

Achtung. Diese Seiten dienen der Information über Heilpflanzen und überlieferte Anwendungen – sie ersetzen keine ärztliche, apothekerliche oder therapeutische Beratung und sind kein Behandlungsvorschlag. Dosier- und Anwendungsangaben entstammen öffentlich verfügbarer Fachliteratur; verwende Heilpflanzen nur in Absprache mit Fachpersonal. Bei Beschwerden oder in Schwangerschaft/Stillzeit sowie bei Medikamenteneinnahme: immer ärztlichen Rat einholen.
Baldrian (Valeriana officinalis, Valerianaceae)
Droge: Valerianae radix (Baldrianwurzel)
Inhaltsstoffe
- 0,5–1,5 % ätherisches Öl (Monoterpene: Bornylacetat 2–20 %, Camphen, β-Caryophyllen, Isovaleriansäure, α-Pinen, β-Pinen, Limonen) — der typische Baldriangeruch bildet sich erst beim Trocknen, wenn aus Estern Isovaleriansäure freigesetzt wird
- 0,3–1 % Valerensäuren (Sesquiterpencarbonsäuren: Valerensäure, Acetoxyvalerensäure, Hydroxyvalerensäure) — die eigentlichen beruhigenden/sedierend wirksamen Substanzen: hemmen GABA-Abbau (Aminotransferase-Hemmung) und verstärken GABA-Freisetzung
- 0,5–2 % Valepotriate (Iridoide mit Epoxid-Struktur: Valtrat, Isovaltrat, Didrovaltrat, Acevaltrat) — instabil, zersetzen sich bei der Extraktion und Trocknung zu Homobaldrinaten und Baldrinalen; pharmakologisch stark wirksam (sedierend, spasmolytisch), aber auch geringe Zytotoxizität bei unbehandelten Valepotriaten in hohen Dosen (in Fertigpräparaten sind sie abgebaut und damit unbedenklich)
- 2–4 % Lignane (Hydroxypinoresinol, Olivil, Lirioresinol — antioxidativ, immunmodulierend)
- 0,5–2,0 % freie Aminosäuren (GABA, Glutamin, Arginin, Asparagin, Alanin) — GABA selbst wirkt als Neurotransmitter, trägt aber bei oraler Einnahme kaum zur Wirkung bei (zu geringe Dosierung und Resorption über Blut-Hirn-Schranke)
- Alkaloid-Spuren (Actinidin, Valerianin), Kohlenhydrate, Schleimstoffe
Wirkungen
Innerlich — Tagsüber:
- Beruhigend, entspannend, psychisch ausgleichend
- Angstlösend (anxiolytisch): mild bis moderat angstlösend ohne das Abhängigkeitspotential von Benzodiazepinen
- Konzentrations- und Leistungsvermögen werden verbessert — kein dämpfender Effekt in der (korrekten) Tagesdosierung
- Bessere Bewältigung von Stress: reduziert stressassoziierte Symptome wie Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, Unruhe und dyspeptische Beschwerden
- Mild spasmolytisch und muskelrelaxierend
- Antikonvulsiv (in hohen Dosen tierexperimentell)
- Leicht sedierend-konzentrationsfördernd, nicht hypnotisch
Innerlich — Abends:
- Fördert Schlafbereitschaft, verkürzt Einschlafzeit (Einschlaflatenz um 10–20 Min. reduziert)
- Verbessert Schlafqualität: weniger nächtliches Aufwachen, mehr Tiefschlafphasen, verbessertes Schlafempfinden
- Verbesserte Tagesbefindlichkeit am nächsten Morgen (kein Hang-over!)
Wirkungsmechanismus:
- Valerensäure und ihre Abkömmlinge setzen an der GABA-Aminotransferase sowie teilweise am GABA-Transporter (GAT-1) an → im synaptischen Spalt reichert sich mehr GABA an, die GABA-Wirkung verlängert und verstärkt sich, die Bindung an GABA-A-Rezeptoren wird begünstigt. Ergebnis: eine Sedierung und Anxiolyse in Art der Benzodiazepine — nur ohne deren Abhängigkeitsrisiko!
- Ergänzend besteht eine schwache Affinität zu 5-HT1A-Rezeptoren (Serotonin) und Adenosin-A1-Rezeptoren (milder, dämpfender Effekt)
Indikationen
- HMPC Baldrianwurzel (innerlich): Traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung von leichten Symptomen psychischer Belastung und zur Unterstützung des Schlafes
- ESCOP: Unruhezustände, leichte nervöse Spannungszustände, Einschlafstörungen
- HMPC Baldrianwurzel als Badezusatz: Traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung von leichten Symptomen psychischer Belastung und zur Unterstützung des Schlafes
- Ängste, innere Unruhe, Spannungszustände, nervöse Erregung
- Nervös bedingte Schlaf- bzw. Einschlafstörungen; Durchschlafstörungen
- Nervöse Herz- und Magenbeschwerden, emotionale Dyspepsie
- Lampenfieber, Prüfungsangst, “Nervosität vor Auftritten”
- Wetterfühligkeit
- Reizblase und Reizdarm mit nervöser/psychosomatischer Komponente
- Bettnässen (Enuresis nocturna) bei Kindern mit Nervosität und Angst — entspannende Wirkung auf die Blasenmuskulatur
- Lernschwierigkeiten und Konzentrationsprobleme bei Kindern mit Nervosität und Angst
- Chronisches Erschöpfungssyndrom mit Unruhe und Rastlosigkeit
- Adjuvans bei Drogen- und Alkoholentzug, bei psychiatrischer Benzodiazepin-Entgiftung
Anwendungen
- Tee (Infus oder Mazerat — Kaltauszug bevorzugt, weil ätherisches Öl und Valerensäuren hitzeempfindlich): 1–2 TL (ca. 2–3 g) grob geschnittene Baldrianwurzel mit 150 ml kaltem Wasser ansetzen, 8–12 Std. ziehen lassen (am besten abends ansetzen und morgens abseihen — oder morgens ansetzen und abends abseihen). Oder Infus: mit kochendem Wasser übergießen, 10–15 Min. ziehen lassen, abseihen. Bei Schlafstörungen: 1 Tasse 30 Min. vor dem Schlafengehen. Bei Unruhe am Tag: 2–3 Tassen täglich. Tagesdosis: 3–9 g Droge.
- Tinktur: Valerianae tinctura (DAB), bei Unruhe 2–3-mal täglich 20–40 Tropfen. Bei Schlafstörungen 40–60 Tropfen (ca. 2–3 ml) 30 Min. vor dem Schlafengehen in Wasser. Tagesdosis: 1–5 ml Tinktur.
- Fertigarzneimittel (bevorzugt, weil standardisiert): Trockenextrakt-Präparate (meist 300–600 mg Baldrianextrakt pro Tablette/Kapsel). Bei Schlafstörungen: 300–900 mg Extrakt ca. 1 Std. vor dem Schlafengehen. Bei Unruhe: 300–600 mg/Tag in 2–3 Einzeldosen über den Tag verteilt. Bekannte Präparate: Baldrian Dispert, Baldriparan, Sedonium, Luvased, Valdispert.
- Baldrian-Bad: 100–150 g Baldrianwurzel mit 2–3 Liter Wasser als Kaltauszug ansetzen (über Nacht) oder als Dekokt zubereiten, abseihen und dem Badewasser (35–37 °C, Dauer: 20 Min.) zusetzen. Sehr wirksam bei Kindern mit Schlafstörungen und Unruhe.
Beachte: Korrekte Dosierung ist entscheidend! Unterdosierung von Baldrian kann paradoxe Reaktionen (Unruhe, Schlaflosigkeit) hervorrufen, da nur geringe GABA-Verstärkung erregend wirken kann. Baldrian ist nicht wirkstoffbeschränkt — je höher die Dosis, umso zuverlässiger die sedierende Wirkung.
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Nebenwirkungen:
- Selten paradoxe Reaktionen: Unruhe, Schlaflosigkeit — v.a. bei Unterdosierung; deshalb auf korrekte Dosierung achten.
- In seltenen Fällen: leichte Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Aufstoßen, Flatulenz), Kopfschmerzen, Schwindel.
- Bei empfindlichen Personen: Morgendliche Müdigkeit bei zu hoher Abenddosis.
- Keine Hang-over-Effekte und keine Abhängigkeit bei korrekter Dosierung (HMPC bestätigt).
- Baldrian hat kein Suchtpotential — kein Entzugssyndrom, keine Toleranzentwicklung auch bei chronischer Einnahme.
Gegenanzeigen:
- Überempfindlichkeit gegen Baldrian
- Keine relevanten Gegenanzeigen bekannt. Im Gegensatz zu synthetischen Sedativa/Hypnotika/Alkohol keine Einschränkung der Fahrtüchtigkeit (bei korrekter Dosierung), keine Potenzierung der Alkoholwirkungen.
- In Schwangerschaft und Stillzeit traditionell bedenkenlos (viele Schwangere haben es über Jahrhunderte eingenommen ohne dokumentierte neg. Effekte). Aus HMPC-Sicht: Wegen fehlender Daten nicht empfohlen. In der Praxis unbedenklich in therapeutischer Dosierung.
[!NOTE] Beachte Bei korrekter Dosierung sind durch Baldrian weder Abhängigkeit noch Entzugserscheinungen zu befürchten. Gut wirksam bei Ein- und Durchschlafstörungen in Kombinationspräparaten bzw. in der Teemischung mit anderen Sedativa (z.B. Hopfen, Melisse, Passionsblume).
Kombinationen
- Mit Hopfen und Melisse als klassische Schlaftee-Dreierkombination (Baldrian + Beruhigung + Entspannung + angstlösend)
- Mit Passionsblume bei angstgeprägten Schlafstörungen und innerer Unruhe (synergistische GABA-erge Wirkung)
- Mit Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen mit Schlafstörungen (Standard-Extrakt, ärztlicher Start der Kombination)
- Mit Melisse und Lavendel bei nervousen Magen-Darm-Beschwerden mit Reizdarm/Krämpfen und Unruhe
- Mit Weißdorn bei nervösen Herzbeschwerden und “Herzneurose” (nervöses Herzklopfen, Extrasystolen)
- Mit Kamille und Fenchel bei nervösen Magen-Darm-Beschwerden und Unruhe im Kindesalter
- Mit Baldrian und Hopfen als Baldrian-Hopfen-Bad für Kinder mit Schlafstörungen und nervöser Unruhe (Badedauer 15–20 Min.)
- Mit Rosmarin (Bad mit Baldrian + Rosmarin) als Tag-Nacht-Ausgleich: Baldrian abends, Rosmarin morgens als Bad/Waschung
Literatur & Quellen: Quellen & Literatur – seitenübergreifend basierend auf U. Bühring, Praxis Heilpflanzenkunde, und Weiss/Fintelmann, Lehrbuch Phytotherapie. Eigene Zusammenfassung, keine Textübernahmen.
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