Passionsblume

Passionsblume (Passiflora incarnata, Passiflorae herba, Passifloraceae)
- Familie: Passifloraceae
- Droge: Passiflorae herba (Passionsblumenkraut)
- Hauptkomponenten: Flavonoide, Maltol, Cumarine
Inhaltsstoffe
- Flavonoide (bis 2,5 %): C-Glykosylflavone (Vitexin, Isovitexin, Orientin, Isoorientin, Schaftosid, Isoschaftosid, Vicenin) — die Hauptwirkstoffe für Anxiolyse und Spasmolyse; Maltol (γ-Pyron, 0,05 %) — beruhigender, herzfrequenzsenkender, weißdornähnlicher Effekt
- Cumarine (Spuren): Scopoletin und Umbelliferon
- Spuren von Indolalkaloiden (Harman-Alkaloide: Harman, Harmalin — MAO-hemmend, nur in Spuren vorhanden, therapeutisch kaum relevant, in modernen Extrakten meist entfernt)
- Spuren eines ätherischen Öles, Cyanogene Glykoside (Gynocardin, in Spuren — hitzelabil), ätherisches Öl (in Spuren)
- Zucker, Pektin, wenig Gerbstoffe
Wirkungen
Innerlich:
- Mild beruhigend, sanft ausgleichend, schlaffördernd: ideales Sedativum für den Tag — macht nicht müde, sondern “gelassen wach”
- Krampflösend: papaverinähnliche Spasmolyseeffekte (direkte Relaxation der glatten Muskulatur) — lindert Darm- und Muskelkrämpfe
- Lindert motorische Unruhe, senkt Herzfrequenz und mild erhöhten Blutdruck (sympathikolytisch)
- Angstlösend (anxiolytisch): in klinischen Studien bei generalisierter Angststörung vergleichbar mit Oxazepam, jedoch ohne Sedierung und Abhängigkeitspotenzial. Bindet an GABA-A-Rezeptoren (vermutlich allosterische Modulation), hemmt MAO (mild, über die Harman-Alkaloide); in Kombination mit anderen Sedativa signifikant angstlösend (wirkungsverstärkend)
- Lindert Entzugssymptome bei Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin, Cannabis und Morphium (die milde GABAerge und MAO-hemmende Wirkung reduziert Craving und Unruhe)
- Schlaffördernd: verkürzt die Einschlaflatenz, verbessert die Schlafqualität und verlängert die Tiefschlafphase — ganz ohne Hangover-Effekt
Äußerlich:
- Spasmolytisch bei Muskelverspannungen (Einreibung mit alkoholischem Auszug)
Indikationen
HMPC/ESCOP:
- HMPC: Well-established use bei Nervosität, Unruhezuständen, Einschlafstörungen
- ESCOP: Spannungszustände, Unruhe, Reizbarkeit, Schlafstörungen
Innerlich:
- Zur unterstützenden Therapie bei Nervosität, Unruhe und Stress
- Stresssymptome: Herzklopfen, Schwindel, stressbedingter Bluthochdruck, Schweißausbruch, Konzentrationsschwierigkeiten
- Ein- und Durchschlafstörungen, auch im Kindesalter und in der Pubertät (ab 3 Jahren)
- Zur Langzeitanwendung geeignet (keine Toleranzentwicklung, kein Abhängigkeitspotenzial)
- Ängste, generalisierte Angststörung, leichte Depressionen
- Kreislaufschwäche, Klimakterium, wetterbedingte Beschwerden
- Nervös bedingte Magen-Darm-Beschwerden (Reizmagen, Reizdarm — spasmolytisch)
- Entzugssymptomatik beim Alkohol-, Nikotin-, Cannabis- und Opiatentzug
- ADHS-Unterstützung bei Kindern (beruhigt ohne zu sedieren — in Pilotstudien Verbesserung von Konzentration und sozialem Verhalten)
- Prüfungsangst, Lampenfieber
Anwendungen
- Tee: 1–2 TL (1–2 g) getrocknetes Passionsblumenkraut mit 150 ml kochendem Wasser überbrühen, 5–10 Min. ziehen lassen, 2- bis 4-mal täglich 1 Tasse trinken. Bei Schlafstörungen 1–2 Tassen 30 Min. vor dem Schlafengehen.
- Tinktur (alkoholischer Auszug 1:5, 50–70 % Ethanol): 3-mal täglich 20–40 Tropfen in etwas Wasser. Bei akuter Unruhe: Einzeldosis 40–60 Tropfen.
- Fertigarzneimittel (Extrakt): Tagesdosis 200–600 mg Trockenextrakt (standardisiert auf 2–4 % Flavonoide), aufgeteilt in 2–3 Einzeldosen. Bei Schlafstörungen abends 300–600 mg.
- Bei Kindern (3–12 Jahre): Tee: 1 TL Kraut auf 150 ml, 2-mal täglich. Tinktur: 3-mal täglich 10–15 Tropfen.
- Kombinationspräparate mit Baldrian, Melisse, Hopfen: Bewährte Fixkombinationen bei Schlafstörungen und Unruhe (z. B. Luvased®, Sedacur®, Kytta-Sedativum®).
[!TIP] Praxistipp Die Passionsblume hat eine eher schwache Einzelwirkung und eine flache Dosis-Wirkungs-Kurve. Sie sollte deshalb bevorzugt in Kombination mit anderen beruhigenden Pflanzen eingenommen werden (z. B. Baldrian, Melisse, Hopfen), mit denen sie teils synergistisch, ja wirkungsverstärkend wirkt. Hoch dosiert (400–600 mg) ist sie als Monopräparat bei Angst jedoch klinisch wirksam.
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Nebenwirkungen: Nicht bekannt. In seltenen Einzelfällen leichte Schläfrigkeit bei sehr hoher Dosierung. Keine Tagesmüdigkeit, keine Hangover-Effekte, kein Abhängigkeitspotenzial. Auch für Kinder und ältere Menschen geeignet. Keine Wechselwirkungen mit CYP-Enzymen der Leber — kombinierbar mit anderen Arzneimitteln.
Gegenanzeigen: Nicht bekannt. Keine Kontraindikationen. In Schwangerschaft und Stillzeit mangels Studien vorsichtshalber ärztliche Rücksprache empfohlen.
Kombinationen
- Mit Baldrian und Melisse bei Schlafstörungen und Unruhe (synergistische GABAerge Wirkung, klassische Trias)
- Mit Hopfen und Hafer bei nervöser Erschöpfung und Einschlafstörungen (beruhigend + schlaffördernd + nervenstärkend)
- Mit Johanniskraut bei ängstlich-depressiven Verstimmungen (anxiolytisch + stimmungsaufhellend — aber die Johanniskraut-induzierte CYP-Induktion beachten!)
- Mit Lavendel als ätherisches Öl oder oral (Silexan®) bei Angststörungen und innerer Unruhe
- Mit Weißdorn bei stressbedingtem Herzklopfen und erhöhtem Blutdruck (beruhigend + herzstärkend)
- Mit Kamille und Gänsefingerkraut bei nervös bedingten Magen-Darm-Krämpfen (anxiolytisch + spasmolytisch)
- Mit Frauenmantel bei klimakterisch bedingten Unruhezuständen und Schlafstörungen