Gänsefingerkraut

Gänsefingerkraut (Potentilla anserina, Anserinae herba, Rosaceae)
Inhaltsstoffe:
- Gerbstoffe (bis 10 %): v.a. Ellagitannine (Agrimoniin, Pedunculagin) und kondensierte Catechingerbstoffe
- Flavonoide (1-3 %): Quercetin, Kämpferol, Isorhamnetin (als Glykoside), Rutin
- Cumarine (ca. 0,2 %): Scopoletin, Umbelliferon
- Anthocyane (0,1-0,3 %), Phytosterole (ß-Sitosterol ca. 0,05 %)
- Krampflösende Stoffe noch unbekannter Struktur (keine Alkaloide, vermutlich Triterpene), Tormentosid (Triterpensaponin)
- Phenolcarbonsäuren (Kaffeesäure, Ellagsäure, ca. 0,5 %)
Wirkungen:
- Krampflösend: Wirksamstes “Krampfkraut” bei Menstruationskrämpfen
- Zusammenziehend, leicht stopfend/durchfallhemmend
- Entzündungshemmend
Wirkmechanismen
- Spasmolytische Wirkung: Die bisher nicht vollständig aufgeklärten krampflösenden Stoffe (vermutlich Triterpenderivate) greifen direkt an der glatten Muskulatur des Uterus an. Sie unterdrücken Calcium-abhängige Kontraktionsabläufe (“muskulotrop-spasmolytisch”) — im Gegensatz zum verwandten Frauenmantel, das auf hormonellem Weg wirkt.
- Adstringierende Wirkung: Die Ellagitannine verbinden sich mit den Proteinen der Schleimhautoberfläche zu einer festen Schutzkolloidschicht (Effekt der “Gerbhaut”). Die Darmwand wird dadurch abgedichtet, die Flüssigkeitssekretion geringer → stopfende Wirkung.
- Antiphlogistische Wirkung: Über Ellagitannine und Flavonoide werden Prostaglandin-Synthese (COX-Hemmung) und Leukotrien-Synthese (LOX-Hemmung) gebremst. Da bei der Dysmenorrhö ein Prostaglandinüberschuss (PGF2α) die spastischen Uteruskontraktionen auslöst, wirkt Gänsefingerkraut hier doppelt: Es drosselt die PG-Synthese und entspannt die Muskulatur zugleich direkt.
- Antimikrobielle Wirkung: Die Gerbstoffe wirken bacteriostatisch gegen grampositive Keime (v.a. Staphylokokken) und Candida albicans → nützlich für die Wundheilung und die Pflege der Mundschleimhaut.
Indikationen:
- HMPC: Traditional use: innere Anwendung bei leichten Magen-Darm-Krämpfen, bei Menstruationskrämpfen (Dysmenorrhö). Äußere Anwendung: leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut.
- ESCOP: Dysmenorrhö, leichte gastrointestinale Spasmen, schmerzhafte Regelblutung
- Kommission E: Leichte dysmenorrhoische Beschwerden, unterstützende Behandlung bei leichten, unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen, leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut
- Innerlich: Dysmenorrhö (Menstruationskrämpfe), Bauchspasmus bei Säuglingen
- Äußerlich: Leichte Entzündungen im Bereich der Mund- und Rachenschleimhaut (Mundspülung)
Praxistipp: Gänsefingerkraut prophylaktisch 5 Tage vor Blutungsbeginn einsetzen. Nicht auf den Schmerz warten, so muss sich die Gebärmutter nicht erst verkrampfen.
Anwendungen
Teezubereitung
- Aufguss: 2-4 g Gänsefingerkraut (ca. 1-2 TL) mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, 10 Min. zugedeckt ziehen lassen, abseihen
- 3-mal täglich 1 Tasse zwischen den Mahlzeiten
- Tagesdosis: 4-6 g Droge (Kommission E)
- Bei Menstruationskrämpfen: prophylaktisch 5 Tage vor Blutungsbeginn einsetzen, bis zum 3. Blutungstag fortsetzen
- Bei Durchfall: 3-4 Tage maximal, dann absetzen (Gerbstoffe belasten die Leber bei Langzeitanwendung)
- Bei Säuglingskoliken (Bauchspasmus): 1 g Droge auf 150 ml, 1-2 TL des abgekühlten Tees vor der Mahlzeit in die Flasche geben
Mundspülung / Gurgellösung
- Abkochung: 5-10 g Gänsefingerkraut auf 250 ml Wasser, 5 Min. kochen lassen, 10 Min. ziehen lassen, abseihen
- Mehrmals täglich spülen oder gurgeln
- Nicht schlucken, da konzentriert-gerbstoffhaltig
Fertigarzneimittel
- Gänsefingerkraut ist überwiegend als Teedroge oder in Teemischungen erhältlich. Monopräparate sind selten.
- Meno-Fem® Teemischung (enthält Gänsefingerkraut, Frauenmantel, Schafgarbe u.a.): bei Menstruationsbeschwerden, 3x täglich 1 Tasse
- Species gynaecologicae (Apothekenstandard): Gänsefingerkraut + Frauenmantel + Schafgarbe zu gleichen Teilen
- Tinktur (Eigenherstellung): Frischpflanze mit 40 % Alkohol ansetzen, 4 Wochen ziehen lassen, 3x täglich 20-30 Tropfen
Äußerlich
- Sitzbad: 100 g Gänsefingerkraut auf 1 L Wasser als Abkochung, dem Sitzbad zufügen, 15 Min., bei Hämorrhoiden und Analekzemen
Nebenwirkungen / Gegenanzeigen
Nebenwirkungen: Kann evtl. Reizmagen-Beschwerden verstärken. Bei empfindlichen Personen Sodbrennen oder Magendruck möglich (Gerbstoffe).
Gegenanzeigen: Nicht bekannt. Vorsicht bei floridem Magengeschwür (Gerbstoffe können irritieren).
Wechselwirkungen: Wie alle Gerbstoffdrogen kann die gleichzeitige Einnahme mit anderen Medikamenten deren Resorption verzögern → Einnahmeabstand von 1-2 Stunden einhalten.
Schwangerschaft / Stillzeit: In der Schwangerschaft kontraindiziert (spasmolytische Wirkung auf den Uterus theoretisch wehenauslösend). In der Stillzeit als Tee in üblicher Dosierung unbedenklich.
Kombinationen
- Mit Frauenmantel bei Menstruationsbeschwerden (synergistisch: krampflösend + hormonregulierend)
- Mit Schafgarbe bei spastischen Unterleibsschmerzen und krampfartigen Durchfällen
- Mit Kamille äußerlich bei Mundschleimhautentzündungen
- Mit Melisse bei nervös bedingten Magen-Darm-Krämpfen
Siehe auch
- Dysmenorrhoe — ausführliche Indikationsseite
- Weibertropfen — Mischtinktur bei Menstruationsbeschwerden mit Gänsefingerkraut
- Magentropfen — Tinktur bei Magenkrämpfen
- Karminativum — Teemischung bei Blähungen und Krämpfen
- Frauenmantel — synergistisches Pflanzenprofil