Fechten in Straßburg
Meyers Wirkungsort und die Straßburger Fechtschule im 16. Jahrhundert

Meyers Wirkungsort
Das Straßburg des 16. Jahrhunderts war eine der bedeutendsten Reichsstädte des Heiligen Römischen Reiches — ein Zentrum des Buchdrucks, der Reformation und des Humanismus. In dieses intellektuell vibrierende Milieu trat um 1560 der Fechtmeister Joachim Meyer, der dort sein Hauptwerk verfassen und zum repräsentativen Fechtmeister der deutschen Renaissance aufsteigen sollte.
Meyer, der aus Basel stammte, erwarb 1570 das Straßburger Bürgerrecht und etablierte sich als lizenzierter Fechtmeister. Im selben Jahr publizierte er seine Gründtliche Beschreibung der Freyen Ritterlichen vnnd Adelichen Kunst des Fechtens bei dem Straßburger Verleger Thiebolt Berger. Die Wahl eines renommierten regionalen Verlegers war strategisch: Straßburg war ein Zentrum des Buchdrucks und bot die Infrastruktur für ein aufwändig illustriertes, umfangreiches Fechtbuch.
Die Straßburger Fechtschule
Die Straßburger Fechtschule gehörte zu den angesehensten des Reiches. Organisatorisch lag sie bei den Federfechtern, die im Gegensatz zu den Marxbrüdern auch bürgerliche und nicht-patrizische Fechter aufnahmen. Diese etwas offenere Zugangspolitik spiegelt sich in Meyers Werk wider, das sich ausdrücklich an die “jungen Gesellen” richtete.
Die Straßburger Fechtschule war Austragungsort öffentlicher Schau- und Preisfechten, die Publikum aus der gesamten Stadt anzogen. Meyer selbst nahm an diesen Veranstaltungen teil — teils als Wettkämpfer, vor allem aber als Lehrer und jurierender Meister.
Bedeutung für den Buchdruck
Straßburgs Stellung als Druckerstadt war für Meyers Wirkung entscheidend. Das gedruckte Fechtbuch — anders als die handgeschriebenen Manuskripte der mittelalterlichen Tradition — konnte in Auflagen von mehreren Hundert Exemplaren verbreitet werden. Meyer war der erste Fechtmeister der Deutschen Schule, dessen Werk gedruckt erschien, nicht handschriftlich zirkulierte. Der Buchdruck demokratisierte sein System und ermöglichte eine Rezeption weit über die Stadtgrenzen hinaus.
Die Kombination aus etablierter Fechtschule, persönlicher Meisterpräsenz und Druckkapazität machte Straßburg zum vielleicht fortschrittlichsten Fechtstandort des 16. Jahrhunderts. Augsburg und Nürnberg blieben konservativ-handschriftlich — Straßburg ging den Weg in die typographische Moderne.
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung. Straßburg 1570.
- Dupuis, Olivier: Joachim Meyer, escrimeur libre, bourgeois de Strasbourg. In: Maîtres et techniques de combat, 2014.