Schöllkraut

Schöllkraut (Chelidonium majus, Papaveraceae)
- Familie: Papaveraceae
- Droge: Chelidonii herba (Schöllkrautkraut)
Inhaltsstoffe
- Wichtigste Isochinolin-Alkaloide (0,1-1 % in der getrockneten Droge):
- Chelidonin (spasmolytisch wie Papaverin — relaxiert die glatte Muskulatur, besonders an Gallenwegen und Darm)
- Berberin (choleretisch, antimikrobiell und antiphlogistisch — trotz geringer Wasserlöslichkeit der auf die Galle wirkende Hauptstoff)
- Chelerythrin (stark antiviral, antibakteriell, Protein-Kinase-C-Hemmer mit antientzündlicher Wirkung; zugleich zytotoxisch, hautreizend und warzenauflösend)
- Sanguinarin (antimikrobiell, antiviral und antimykotisch — breites Wirkungsspektrum, stark hautreizend, zytotoxisch, begünstigt die Keratolyse von Warzen)
- Coptisin (wie Berberin: antimikrobiell, choleretisch und bitter)
- Weitere Alkaloide: Protopin, Allocryptopin, Stylopin, Homochelidonin, Berberrubin
- Flavonoide (Rutin, Quercetin, Luteolin — hepatoprotektiv und entzündungshemmend)
- Saponine (Spuren) und ätherisches Öl
- Proteolytische Enzyme, die für den Milchsaft typisch sind (bei Verletzung der Pflanze tritt gelb-oranger Saft aus)
Wirkungen
Innerlich (nur standardisierte Extrakte):
- Spasmolytisch (papaverinähnlich): Die glatte Muskulatur von Gallenwegen, Darm und Urogenitaltrakt erschlafft; dadurch wirksam bei Gallenkoliken und Gallenwegsdyskinesien — vermittelt über die Hemmung von Calcium-Kanälen und Phosphodiesterase
- Choleretisch: Die Gallesaftproduktion der Leberzellen wird angeregt, der Gallenfluss gefördert und die Entleerung der Gallenblase unterstützt (cholagog)
- Antiviral (in vitro): Chelerythrin und Sanguinarin hemmen Herpes-simplex-Viren, Adenoviren und Enteroviren
- Antimikrobiell: Breitspektrum gegen grampositive Bakterien, Pilze (Candida albicans, Aspergillus, Dermatophyten) und Protozoen (Trichomonaden) — die Konzentrationen im Zielgewebe (Gallenwege) erreichen therapeutisch wirksame Höhen
- Zytotoxisch und antiproliferativ (Chelerythrin, Sanguinarin): Sie hemmen das Zellwachstum und lösen in Tumorzellen Apoptose aus (in vitro und im Tierversuch)
- Milde analgetische Komponente
Äußerlich:
- Warzenauflösend (keratolytisch): Chelerythrin und Sanguinarin blockieren die DNA- und RNA-Synthese in Papillomvirus-infizierten Keratinozyten und zerstören das wuchernde Warzengewebe (Proteindenaturierung)
- Antiviral gegen die Warzenviren (Papillomaviren)
- Ätzend, hautreizend und keratolytisch
Indikationen
HMPC/ESCOP:
- HMPC: Traditional use bei krampfartigen Gallenbeschwerden und Verdauungsstörungen
- ESCOP: Spastische und dyspeptische Beschwerden der Gallenwege und des Gastrointestinaltrakts
- HMPC (äußerlich): Traditional use bei Warzen
Innerlich (nur standardisierte Extrakte unter ärztlicher Kontrolle!):
- Krampfartige Gallenbeschwerden, Gallenwegsdyskinesien und Gallenkoliken
- Dyspeptische Beschwerden mit spastischer Komponente
- Postoperative Gallenwegsdyskinesie nach Cholezystektomie
Äußerlich:
- Gewöhnliche Warzen (Verrucae vulgares), Dornwarzen und juvenile flache Warzen
- Dellwarzen (Mollusca contagiosa — begrenzt wirksam)
- Alterswarzen (Verrucae seborrhoicae — nicht empfohlen, da maligne Entartung möglich; zuerst dermatoskopisch abklären!)
Anwendungen
[!WARNING] Wichtiger Warnhinweis! Schöllkraut kann bei Langzeitanwendung in hoher Dosierung die Leber schädigen. ERDRAUCH (Fumaria officinalis) ist eine Alternative mit vergleichbaren Isochinolin-Alkaloiden, aber OHNE die ausgeprägte Lebertoxizitäts-Problematik. Nur standardisierte Fertigpräparate unter ärztlicher Aufsicht anwenden! Maximale Anwendungsdauer 2 Wochen! Nicht in Schwangerschaft und Stillzeit.
- Innerlich (NICHT als Selbstmedikation!): Nur standardisierte Fertigarzneimittel, z. B. Chelidonium-Extrakt-Tropfen mit definiertem Alkaloidgehalt: 3-mal täglich 10-20 Tropfen vor den Mahlzeiten. Nicht länger als 2 Wochen! (Präparate: z. B. Cholagogum Nattermann®, Ictericum®, ggf. in Kombination mit anderen Leber-Galle-Pflanzen).
- Äußerlich (Warzenbehandlung):
- Frischer Milchsaft: frischen orangen Schöllkraut-Milchsaft aus dem Stängel direkt auf die Warze tüpfeln (nur auf die Warze, nicht auf gesunde Haut!). 2-3-mal täglich wiederholen. Dauer 2-4 Wochen bis zur vollständigen Rückbildung.
- Schöllkraut-Tinktur (Apotheke): 2-mal täglich mit einem Wattestäbchen exakt auf die Warze auftupfen. Gesunde Haut abdecken (z. B. mit Vaseline einfetten).
- Fertigpräparate: Warzenmittel mit Chelidonium-Extrakt (z. B. Verrumal® u. a.).
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Nebenwirkungen innerlich:
- Dosisabhängig: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Magenschmerzen und Schwindel
- Gelborange Verfärbung von Urin und Stuhl (harmlos — durch Berberin)
- POTENZIELL LEBERTOXISCH: erhöhte Transaminasen (ALT, AST, GGT, AP), cholestatische Hepatitis und in Einzelfällen akutes Leberversagen bei Langzeitanwendung und hohen Dosen beschrieben! Als lebertoxische Komponenten gelten vermutlich Chelerythrin und Sanguinarin (Hemmung der mitochondrialen Atmungskette der Hepatozyten, Induktion von oxidativem Stress)
Nebenwirkungen äußerlich:
- Hautreizung, Rötung, Brennen, Blasenbildung und Entzündung bei zu großer Menge oder Übertritt auf gesunde Haut
- Phototoxische Reaktionen möglich (behandelte Stelle vor UV-Licht schützen)
- Bei Augenkontakt: starkes Brennen und Konjunktivitis
Gegenanzeigen:
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren
- Gallengangverschluss und Cholestase
- Vorbestehende Lebererkrankungen (Hepatitis, Fettleber, Leberzirrhose, erhöhte Transaminasen)
- Gleichzeitige Einnahme anderer potenziell hepatotoxischer Substanzen (Paracetamol, Amiodaron, Methotrexat, Tuberkulostatika, Alkohol)
[!CAUTION] BfArM-Stufenplan Das BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel) hat 2008 die maximale Tagesdosis für Schöllkraut-Präparate auf 2,5 mg Gesamt-Alkaloide begrenzt (entsprechend ca. 250-500 mg Droge). Anwendungsdauer maximal 2 Wochen.
Kombinationen
- Mit Erdrauch (Fumaria officinalis) bei Gallenwegsbeschwerden und Verdauungsstörungen — Erdrauch ist die sicherere Alternative mit ähnlichem Alkaloidspektrum und ohne die ausgeprägte Lebertoxizität (Berberin, Fumarin, Stylopin)
- Mit Mariendistel als Leberschutz bei kurzzeitiger Schöllkraut-Therapie (hepatoprotektiv, antihepatotoxisch, regenerierend)
- Mit Gelbwurz bei Gallenwegsdyskinesien und Spasmen (choleretisch plus spasmolytisch)
- Mit Pfefferminze und Kümmel bei Gallenkoliken (spasmolytisch, schmerzlindernd, entblähend)
- Mit Löwenzahn bei dyspeptischen Gallenbeschwerden (choleretisch plus cholekinetisch)
- Mit Artischocke bei Gallenwegsdyskinesien nach Cholezystektomie (spasmolytisch plus choleretisch)