Anis

Anis (Pimpinella anisum)
- Familie: Apiaceae
- Droge: Anisi fructus
- Hauptkomponenten: Ätherisches Öl (trans-Anethol, Estragol), Flavonoide, Cumarine, fettes Öl
Botanische Bezeichnung: Anisi fructus, Apiaceae
Anis gilt als klassisches Karminativum. Unter den drei großen blähungstreibenden Drogen entfaltet er die schwächste karminative, dafür aber die stärkste schleimlösende Kraft.
Inhaltsstoffe
- 1,5–6 % ätherisches Öl (Hauptkomponente: trans-Anethol 80–95 %, außerdem Estragol/Methylchavicol 1–5 %, Anisaldehyd, Pseudoisoeugenol-Derivate)
- 8–28 % fettes Öl
- Flavonoide (Rutosid, Isoorientin, Quercetin-Glykoside)
- Cumarine (Umbelliferon, Scopoletin, Bergapten)
- Phenylpropanoide, phenolische Säuren (Anissäure, Chlorogensäure)
Wirkungen
Innerlich:
- Karminativ (blähungstreibend): Der obere Mageneingang (Speiseröhrenschließmuskel) erschlafft, sodass das Aufstoßen leichter fällt und sich der Druckausgleich zwischen Magen und Speiseröhre einstellt; die Erleichterung stellt sich 5–15 Minuten nach der Einnahme ein
- Spasmolytisch: wirkt entspannend auf die glatte Muskulatur des gesamten Verdauungstrakts
- Expektorierend (sekretolytisch und sekretomotorisch): Die Bronchien geben mehr Sekret ab, zäher Schleim wird verflüssigt; zugleich entspannt sich die Bronchialmuskulatur
- Antimikrobiell (antibakteriell, fungistatisch, insektizid): hemmt Bakterien und Hefepilze, besonders die Komponenten des ätherischen Öls
- Mild galaktagog (milchbildungsfördernd): in der Stillzeit ein traditionelles Mittel
- Fördert die Verdauung
Verglichen mit den beiden anderen klassischen Karminativa (Kümmel, Fenchel):
- Blähungstreibend wirkt Anis am schwächsten
- Als Expektorans ist er am stärksten
Indikationen
- Magen-Darm-Trakt: Blähungen, Völlegefühl, dyspeptische Beschwerden, krampfartige Magen-Darm-Beschwerden, Reizdarm mit Meteorismus
- Atemwege: Katarrhe der oberen Luftwege, akuter und chronischer Husten mit zähem Schleim, Bronchitis, Sinusitis, Schnupfen → siehe Schnupfen und Sinusitis, Produktiver Husten
- Kinderheilkunde: Säuglingskoliken, kindliche Bauchschmerzen, Erkältungshusten (milder als Eukalyptus, gut verträglich)
- Stillzeit: Traditionell zur Milchbildungsförderung (galaktagog)
- Mund- und Rachenraum: Mundgeruch, Schleimhautentzündungen im Mund → siehe Mund- und Rachenerkrankungen
HMPC-Klassifikation:
- Traditional use: dyspeptische Beschwerden und Blähungen
- Traditional use: als Expektorans bei Husten und Erkältungen
ESCOP: Dyspeptische Beschwerden, Katarrhe der Atemwege
Anwendungen
Tee (Infus):
- 1–2 Teelöffel (ca. 1–3 g) frisch angestoßene Anisfrüchte mit 150 ml kochendem Wasser übergießen
- 10–15 Minuten bedeckt ziehen lassen (wichtig: bedecken, damit ätherisches Öl nicht entweicht)
- 3-mal täglich 1 Tasse ungesüßt zwischen den Mahlzeiten trinken
- Bei Husten: mit Honig süßen
Tinktur:
- 3-mal täglich 20–30 Tropfen in etwas Wasser, vor oder zu den Mahlzeiten
Fertigpräparate:
- Carminativum-Hetterich (Fenchel, Kamille, Kümmel, Pfefferminze, Pomeranzenschalen): Erwachsene 3-mal täglich 30–40 Tropfen → siehe Blähungen
- Repha-Os Mundspray (Blutwurz, Ratanhiawurzel, Myrrhe, Anisöl, Eukalyptusöl, Nelkenöl, Levomenthol): 3-mal täglich 1–2 Sprühstöße
- Bäuchleinsalbe Babynos (ätherisches Anis- und Kümmelöl) zur äußerlichen Bauchmassage bei Säuglingen
Inhalation:
- 2–3 Teelöffel angestoßene Früchte auf 1 Liter heißes Wasser, 5–10 Minuten inhalieren → siehe Dampfbad und Inhalation
Kauen:
- Einige angestoßene Anisfrüchte nach den Mahlzeiten kauen zur Verdauungsförderung und gegen Mundgeruch
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Nebenwirkungen: Selten allergische Haut- oder Atemwegsreaktionen. Bei Überdosierung kann es zu Übelkeit und Erbrechen kommen.
Gegenanzeigen:
- Allergie gegen Anis oder Doldenblütler (Apiaceae)
- Kinder unter 1 Jahr: wegen des Estragolgehalts zurückhaltend einsetzen; die EMA empfiehlt, ätherische Öle mit Estragol bei Kindern unter 4 Jahren zu meiden. In der Praxis werden Anis-haltige Teemischungen jedoch bei Säuglingen ab 4–6 Monaten in kontrollierter Dosierung eingesetzt
- Schwangerschaft und Stillzeit: Anwendung in üblichen Dosierungen als Teezubereitung unbedenklich. Hochdosierte Fertigpräparate (ätherisches Öl) meiden
Estragol-Diskussion: Estragol (Methylchavicol) ist im Tierversuch in sehr hohen Dosen kanzerogen. Die Konzentration im Tee liegt jedoch weit unterhalb toxikologischer Bedenklichkeit; die HMPC sieht die traditionelle Anwendung im Rahmen der empfohlenen Dosierungen als sicher an.
Kombinationen
Anis findet sich klassisch in Mischungen mit anderen Karminativa und Expektoranzien:
- Anis + Fenchel + Kümmel = das klassische Karminativum-Trio (auch als Stilltee) → siehe Blähungen
- Anis + Fenchel + Thymian = bewährte Hustenteemischung → siehe Produktiver Husten
- Anis + Fenchel + Pfefferminze + Kümmel + Kamille = Carminativum-Hetterich bei Reizdarm/Blähungen
- Anis + Kamille + Fenchel = entzündungshemmender Schleimhautschutz bei Magen-Darm-Infekten → siehe Akute Magenerkrankung
- Anis + Fenchel + Holunderblüten = Säuglingsschnupfentee → siehe Schnupfen und Sinusitis, Produktiver Husten